Gespiegelt von der Seite der FAU Münsterland
Wie politisch sind die Riots in England?
„Sie rauben Toilettenpapier? Gebt Ihnen lieber Kondome, damit sie sich nicht weiter vermehren.“ So kommentiert ein Focus-Leser die Ereignisse in London. Das kennen wir schon: Der Begriff „Proletariat“ bezeichnete ursprünglich diejenigen, die sich zu stark vermehren. FDP-Jungspund Daniel Bahr hat diese Ursprungsbedeutung wieder aufgegriffen („In Deutschland bekommen die Falschen die Kinder“) und Thilo Sarrazins „Kopftuchmädchen“ kommen ebenfalls aus der gleichen Argumentationsschule.
Die Solidarity Federation North London (britische Anarcho-SyndikalistInnen) stellt in ihrem Statement zu den Riots klar: „Läden abzufackeln, über denen sich Wohnungen befinden, die Transportmittel, mit denen Leute zu ihren Jobs fahren müssen und ähnlicher Schwachsinn, sind ein Angriff auf uns selbst und sollten […] entschieden bekämpft werden […]“. Sie betont aber auch: „Die Wut aus den Armenvierteln ist wie sie ist, hässlich und unkontrolliert, aber nicht unvorhersehbar. Großbritannien hat seine sozialen Probleme jahrzehntelang verschleiert, sie mit einer brutalen Kette bewaffneter Büttel eingezäunt.“ Auch wenn es sich kaum äußert: Die Riots sind politisch. Die Medien präsentieren uns als Anlass den Tod eines kriminellen schwarzen (sic!) Familienvaters. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Hinter den Riots steckt eine jahrzehntelange britische Politik, die mit Thatcher, dem Krieg gegen die Gewerkschaften der Miners und der Poll Tax beginnt und heutigentags mit einer extrem verschärften Überwachung, Gesetzen gegen „Herumlungern“, Knastneubauten etc. fortgesetzt wird. In Sachen „Krise“ mag man wenig aus England hören, weil die Auswirkungen für die internationale Ökonomie vergleichsweise gering sind – in Sachen Repression und Unterdrückung der proles ist Großbritannien aber ganz vorne.
Athen: Generalstreik. London: Riot.
Es ist kein Zufall, dass die ersten Krisen-Riots, die weder in der ehemals sogenannten „Dritten“ Welt noch in der Peripherie Europas stattfinden, ausgerechnet England treffen. Es ist folgerichtig. Es ist auch kein Zufall, dass diese in London beginnen, wo Armut und Reichtum nochmal besonders krass aufeinander treffen. Es ist ebenfalls nicht zufällig, dass sich der Krisenprotest in Griechenland und Spanien in Generalstreiks ausdrückt und in England als Riot. Die Idee einer kollektiven sozialen Revolte wurde den britischen proles seit dreißig Jahren systematisch ausgeredet.
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Vor ein paar Tagen zeigten wir in der „Barrikade“ einen Film über die umstrittene Kommune ZEGG, die neben dem ganz alltäglichen Kommuneleben auch das Banner der „freien Liebe“ schon Jahrzehnte hochhält. Der Film vermittelte sehr gut die verschiedenen Probleme eines auf „freier Liebe“ basierenden Lebenskonzepts. Übrigens setze ich hier die „Freie Liebe“ nicht ohne Grund in Anführungszeichen….freie Liebe ist für den Autoren dieser Zeilen in einer unfreien Gesellschaft prinzipiell nicht möglich. Wenn überhaupt kann es nur einen Versuch geben, Ansätze der freien Liebe zu leben. Für viele Menschen ist es das wert, diesen Versuch im Hier und Jetzt zu wagen. „Polyamory“, so das neue Modewort für die „freie Liebe“ hat für eher konervativere ZeitgenossInnen oft den faden Beigeschmack von „Wegwerfbeziehungen“, wo es eigentlich nur um das „durch die Betten huschen“ gehe. Ich denke, dieser „Vorwurf“ ist in der Regel ungerechtfertigt. Auch wenn viele Beziehungen oft nur „Kissen-Freundschaften“ sind bzw. wären…auch dagegen liesse sich nichts einwenden, solange es für die Beteiligten in Ordnung geht und keine/r dabei verletzt wird. Trotz eines freieren Umgangs mit der erotischen Liebe existieren auch dort „häßliche“ Emotionen wie Eifersucht (also Besitzneid), einen Menschen für sich allein haben wollen, Verlustangst usw. Wenn materielle Abhängigkeiten in der heutigen Zeit nicht mehr wie vor ein paar Jahren noch die alles bestimmende Ursache für das Zusammenkleben von Paaren (zumeist auf Kosten der abhängigen Frau) sind, kommen aber immer noch die emotionalen „Abhängigkeiten“ hinzu, die es vielen schwer macht, loszulassen und neue Wege zu beschreiten. Warum das so ist, wird im folgenden Text sehr schön beschrieben. Eine gut funktionierende langjährige Beziehung hat durchaus eine materielle (im philosophischen Sinne materiell) Grundlage, die mensch nicht so einfach zur Seite schieben kann…
Der Text ist dem Buch „Freie Liebe – Wilde Ehe“ von Herrad Schenk entnommen (das sehr interessante Buch ist leider wohl nur noch antiquarisch erhältlich):
Zweihundert Jahre hatte es gedauert, bis im Zuge des Individualisierungsprozesses die neue abendländische Errungenschaft der Liebesehe die alte Sachehe ganz verdrängt hatte.
Kaum hatte die Liebesehe sich durchgesetzt, da sah es so aus, als könnte der Individualisierungsprozeß durch sie hindurch und über sie hinweg weitergehen. 1975 hatte Edward Shorter prophezeit:
„Die Kernfamilie zerfällt – um, wie ich glaube, durch das freischwebende Paar ersetzt zu werden, eine eheliche Dyade, die dramatischen Spannungen und Fusionen ausgesetzt ist.“ Welcher Art diese Spannungen und Fusionen sein könnten, das hat die Diskussion der späten sechziger und der siebziger Jahre gezeigt, in denen es auf einmal nicht mehr vorrangig um die Befreiung der Liebe aus dem Korsett der Institution (z.B. der Ehe) zu gehen schien, sondern um die Lösung der Sexualität vom Gefühl, um die Lösung der Frau vom Mann, um die Lösung des Individuums aus stets als einengend empfundenen Bindungen überhaupt. (mehr…)
Sieben am Morgen. Irgendwo in Deutschland. In einer Großstadt. Umschlagplatz der Trambahnen. Umsteiger aus den Vororten, auf dem Weg in Büros. Wie Kinder, in Uniformen gezwängt von hektischen Eltern, viel zu früh. Die Gesichter blass, die Uniformen kratzen, sie müssen aus einem Kinderschlafgesicht ein Erwachsenengesicht machen. Schnell. Jetzt. Und ab in Büros, in Verkaufsräume. Nicht zu spät kommen, nur nicht. Solche Angst vor dem Zuspätkommen, dem Nichtgenügen, dem Ausgetauschtwerden. Von wem nur?
Manche haben vielleicht noch einen Chef – lebendig, jung, dynamisch. Ein Arschloch in jedem Fall. Oder einfach ein Vorgesetzter. Jung, dynamisch. Ein Arschloch. Ein Alphatier. Aber mit Führungsqualität. Wo ist der Führer eigentlich, der darüber befindet, dass einer mit 50 zu alt für seinen Job ist? Solche Angst. Sie lassen sich ausbeuten und würden es doch nie so nennen. Ich arbeite gerne, würden sie sagen, was auch sonst. Es können ja nicht alle selbständig sein, Künstler oder Penner, einer muss ja arbeiten. Für wen eigentlich? Für Vorstandsvorsitzende, für Manager mit Millionensalären. Ein paar Milliarden Bonus für die Mitarbeiter einer Bank, die ein paar Milliarden Minus erwirtschaftet hat.
Früher nannte man das Klassenkampf. Die da oben die da unten. Heute nennt man es einfach Angestelltenverhältnis, und keiner wundert sich. Den ganzen Tag verkaufen, eine Stunde Mittagspause, aber nur nicht überziehen, nicht aus der Masse ragen, nicht auffallen, sich ducken. Nach Dienstschluss in eine Bar. Den Stress wegsaufen. Auf die Idee, zu demonstrieren, kommt keiner. Wir haben ja Freizeit. Am Wochenende. Da sind wir zu müde. Oder machen Sport, um unsere Arbeitskraft zu erhalten. Oder grillen Würste. Und sind danach müde. Und einmal im Jahr gibt es Urlaub. Hurra.