3. Warum wahre Liebe unerträglich ist:
Der vergebliche Wunsch nach Nähe und Wärme

W.Sie haben an anderer Stelle gesagt: Die Menschen suchen immer „draußen“ das Glück, die Liebe, die Wärme, sie suchen draußen, was sie in sich selbst weg geschlossen haben. Ist diese Suche die Sehnsucht des Menschen, dass endlich jemand kommen möge, der uns wirklich liebt, der uns erlöst von dieser rastlosen Suche, der das wieder gut macht, was die Eltern uns schmerzhaft vermissen ließen? Das Ergebnis dieser Suche ist doch, dass dieser ersehnte Mensch nie kommt.

G.Nein, der kommt nie, weil wir ja auf zwei Dinge fixiert sind. Punkt eins: Wenn wir ganz früh zum Opfer gemacht wurden, weil die Eltern uns ja in unserem Sein nicht entgegenkamen, bleiben wir gefangen in einem Schuldgefühl. Es geht ja um unser Überleben. Deshalb können wir gar nicht glauben, dass die Eltern uns nicht lieben, dass sie nicht fähig dazu sind. Wenn wir das als Säuglinge erkannt hätten, dann wären wir in eine tiefe Depression versunken und gestorben.
Also deuten wir das Geschehen um, um am Leben zu bleiben, nehmen also die „Schuld“ auf unsere Schultern, wir deuten die Situation gegen uns selbst um, so dass wir fühlen, dass die Kälte der Eltern aus unserem Versagen emporsteigt. Wir sind schlecht.
Paradoxerweise rettet diese Schuld aus einer für ein Kleinkind unmöglichen Situation, nämlich aus der Situation, nicht geliebt zu werden. Wir überleben, indem wie uns die Schuld anlasten, indem wir glauben, wir haben etwas nicht richtig gemacht. Das ist ein Aspekt von Schuld, der uns dann das ganze Leben plagt. Denn indem wir uns schuldig fühlen, können wir überleben, und indem wir glauben:
Wenn wir daran schuld sind, wie wir behandelt werden, dann werden wir eines Tages den Schlüssel finden, um uns ändern zu können. Und dieses Schuldgefühl verstärkt ja zugleich unser Gefühl, dass die Eltern, so wie sie sind, absolut okay sind. Dass die Eltern es in sich haben, was wir bei ihnen suchen, nur dass wir den Schlüssel noch nicht gefunden haben, um den gesuchten Schatz in den Eltern zu bergen. Aber wenn wir den Schlüssel haben, dann können wir den Schatz bergen, und die Eltern werden endlich ihre Liebe zu uns ausdrücken.

W. Der Schlüssel heißt: Wenn ich nur endlich „richtig“ bin, wenn ich nicht immer alles „falsch“ mache, dann werden sie mich lieben, und ich bekomme, was ich so sehr vermisse?

G. Ja, genau. Wir fühlen zwar die Kälte, die wir wirklich erlebten, aber wir glauben, dass diese Menschen die Liebe und die Wärme, die wir so sehr benötigen, in sich haben, nur haben wir es noch nicht „richtig“ gemacht. Und so kommt es, dass wir im späteren Leben weiter nach kalten Menschen jagen in dem Glauben, dass sie die Liebe haben.
Und jetzt Punkt zwei: Da wir in diesem Vorgang schon ganz früh die Schuld auf uns genommen haben, bedeutet dies auch, dass wir im Grunde „schlecht, böse, wertlos“ sind. Wir übernehmen dadurch das Werturteil von Eltern, die uns so sehen.
Wir sind, wie gesagt, nicht liebenswert. Indem wir aber die Liebe als Erwachsene da suchen, wo sie nicht ist, bei kalten Männern und kalten Frauen, stellen wir uns auch nie der Möglichkeit, wirkliche Liebe anzunehmen. Denn dafür haben wir gar nicht die Fähigkeit, wenn wir uns tief in unserem Sein als wertlos erleben. Der Beweis für diese tragische Entwicklung ist, dass solche Menschen, wenn man ihnen mit Entgegenkommen und Liebe begegnet, dies abwehren.
Immer wieder fühlen sie dann, dass der andere nichts wert ist (denn sonst würden sie einen doch nicht lieben und schützen), oder sie meinen, der andere wolle etwas von ihnen, wenn er sagt, er findet einen gut, dann sagt er es nur, um etwas zu erpressen. Also vermeiden wir die Menschen, die uns wirklich lieben könnten und bleiben dauernd auf der Jagd: Männer nach kalten Frauen, Frauen nach kalten Männern.

W. Und wenn diese kalten Männer oder kalten Frauen die Botschaft unserer Eltern wiederholen, die Botschaft: Du bist nicht liebenswert – dann kann es doch sehr gefährlich werden? Es kann Menschen immer tiefer in den Selbsthass treiben, weil sie andauernd Kälte und Ablehnung erleben. Was passiert dann?

G. Es bedeutet, dass man nichts aus dem Leben schöpfen kann. Es fixiert das Verhalten, manchmal für immer, da man nichts Neues lernen kann.

W. Hat es auch mit dem Wunsch nach Erlösung zu tun? Wenn ich glaube, ich kann diesen kalten Mann oder diese kalte Frau für mich erwärmen, wenn mir das gelingt, bin ich auch meinen Eltern gegenüber nicht mehr schuldig?

G. Vielleicht, aber das Grundsätzliche ist, dass man sich nie berühren lässt. Wir erkennen ja nicht, dass wir dauernd auf der Jagd sind. Erkennen wir plötzlich, dass unsere Partner oder Partnerinnen uns nichts gegeben haben, dann suchen wir andere. Männer suchen dann eine andere Frau, die genauso kalt ist, und betreiben wieder einen schrecklichen Aufwand, um geliebt und gesehen zu werden, und Frauen machen es genauso. Es gibt viele, viele Geschichten von all diesen Frauen und Männern, die sich fast umbringen, um von Menschen, die so unmöglich zu ihnen sind, geliebt zu werden.
Und nun kommt es: Das Interessante ist, wenn ein Mann oder eine Frau dann wirklich einen Menschen findet, der ihnen endlich das gibt, was sie so sehnsüchtig gesucht haben, also Liebe und Wärme, dann sagen sie, diese Männer oder Frauen sind uninteressant, sie sind langweilig, und sie verlassen sie. Sie können wahre Liebe nicht ertragen. Das ist ja das Schreckliche, das in diesen Prozess von Selbstverrat und Selbsthass mit eingebaut ist. Sie fühlen sich ja gar nicht wertvoll genug, um geliebt zu werden. Wenn Liebe ihnen dann entgegenkommt, können sie es nicht ertragen, deswegen wird der Mann langweilig, die Frau uninteressant. Im Grunde bleibt man aber unberührbar. Die politischen Konsequenzen sind ebenfalls enorm.
Wir laufen Führern nach, die kalt und verachtend sind. Wahre Liebe macht Angst. Hitler war ein äußerst kalter Mensch, der Sohn von Martin Bormann (Martin Bormann war Hitlers Reichsleiter) beschreibt diese Kälte, die er ausstrahlte, aber von ihm fühlte ein Volk von sich wertlos fühlenden Menschen sich geliebt.

W. Es langweilt die Menschen, nicht mehr auf der Jagd zu sein? Ist es ein Reiz, ein Thrill, kalte Frauen und Männer erobern zu wollen, ein bisschen Größenwahn auch, nach dem Motto: Ich schaffe es schon, den Eisberg zum Schmelzen zu bringen?

G. Es ist die Jagd nach etwas Fiktivem, wodurch das, was man wirklich sucht, nämlich Liebe, vermieden wird.

W. In unserer Gesellschaft wird vor allem jungen Menschen immer gesagt: Du wirst schon noch die Richtige/den Richtigen finden. Warte ab, eines Tages passiert es, es ist alles Zufall, alles Schicksal. Oder man sagt: Du lieber Gott, er/sie hat so viel Pech, er/sie findet den/die Richtige nicht. Aber es ist doch nicht der Zufall oder das Schicksal, es ist doch „der Fremde in uns“, der uns immer wieder hinter den Falschen herlaufen lässt? Was kann einen Menschen von dieser falschen Spur wegbringen?

G. Erst, wenn er zu sich selbst kommen kann, wenn er seine eigene, wahre Kraft erkennt, wenn er sich auch als wertvoll erleben kann, dann ändert sich der Blick und die Wahrnehmung für sich selbst. Und dann ändert sich auch der Blick für andere Menschen. Dann werden vielleicht die kalten Frauen und Männer plötzlich uninteressant und langweilig, was sie ja auch in Wirklichkeit sind. Ohne Liebe und Wärme ist es langweilig im Leben. Aber das dauert eine lange Zeit. Zum Beispiel ist eine Patientin bei mir in Therapie, die mir sagte, sie kann ja gar nicht akzeptieren, was in der Therapie passiert, das Menschliche. Sie sagte, wenn sie mich als jemanden akzeptiert, der ihr etwas gibt, erlebt sie bei sich, dass sie es ja nicht wert ist, dass sie so etwas Gutes bekommt. Also kann sie es nicht annehmen. Oder es gibt viele Menschen, die mir offen sagen: Wenn ihnen jemand menschlich, warmherzig und freundlich entgegenkommt, dann denken sie sofort: Das ist ein Idiot. Oder sie denken: Was will der von mir wirklich? Sie fühlen sich ja nur komfortabel mit Menschen, die gemein sind, die negativ und kalt sind. Obwohl sie so dringend Liebe möchten, wenn die Liebe ihnen entgegenkommt, können sie sie nicht akzeptieren, dann müssen sie sie negieren, ablehnen, lächerlich und schlecht machen.

W. Und dann geht eine Beziehung zu Ende, dann gibt es Streit, Missverständnisse, Missachtung, Schiffbruch. Am Ende steht Einsamkeit, und die Suche, die Jagd und das Leiden gehen von vorne los?

G. Ja. Der Kreislauf ist immer derselbe und fördert den Zynismus, der heute so in Mode ist. Aber der andere Weg, der Weg aus diesem Kreislauf heraus, der Weg, um zum eigenen Selbstwert zu kommen, der erfordert Mut, etwas anderes, etwas Neues zu riskieren. Mut, weil man ja nicht weiß, was daraus wird. Wir haben ja mit dem Neuen keine Erfahrung. Status, Image, Rollenspiel, Ehrgeiz, all das kennen wir ja. Aber auf dem anderen Weg, der vielleicht unpopulär ist, kann man wirklich wieder einmal etwas Menschliches mit einem anderen aufbauen. Es ist möglich, aber es ist Arbeit.

W. Im privaten wie im politischen Leben. Sie stellen immer wieder die wichtige Frage: Warum stellen sich Menschen gegen das, was sie miteinander verbindet, gegen das, was sie gemeinsam haben, ihr Menschsein?

G. Ja, richtig. Das ist es. Wir hassen das Menschliche in uns und bestrafen es im Fremden außerhalb von uns. Ich erzähle Ihnen eine Geschichte, sie stammt von Milovan Djilas, einst Titos Gefährte im Partisanenkrieg gegen die Nazis und später einer seiner schärfsten Kritiker. Er beschreibt in seinem autobiographischen Bericht „Land ohne Gerechtigkeit“ (1958) die Grausamkeiten einer Männerwelt, in der Menschlichkeit als Schwäche verpönt ist:
„Einmal, nach dem Krieg, traf Sekula, ein Montenegriner und Jugoslawe, einen türkischen Moslem. Beide waren auf dem Weg von Bijelo Polje nach Mojkovac. Sie hatten sich zuvor noch nie gesehen. Die Landstraße führte durch dicht bewaldetes Gebiet und war berüchtigt für Überfälle aus dem Hinterhalt. Der Moslem war froh, in Begleitung eines Montenegriners zu sein. Auch Sekula fühlte sich sicherer mit einem Türken, da zu befürchten war, dass sich türkische Partisanen in der Nähe befanden.
Die beiden unterhielten sich freundlich und boten sich Zigaretten an. Der Moslem war ein friedliebender Familienvater. Unterwegs durch die Wildnis kamen sich die Männer näher.“ Djilas schreibt, dass Sekula keinerlei Ressentiments dem Moslem gegenüber empfunden habe. Er sei für ihn wie jeder andere gewesen, mit dem einzigen Unterschied, dass er Türke war. Doch gerade diese Unfähigkeit, eine Abneigung zu spüren, weckt in Sekula ein Gefühl von Schuld. Und die Geschichte geht so weiter: „Es war ein heißer Sommertag. Da der Weg durch einen Wald an einem kleinen Fluss entlang führte, hatten es die beiden Reisenden angenehm kühl. Als sie sich niedersetzten, um gemeinsam etwas zu essen und sich auszuruhen, nahm Sekula seine Pistole heraus. Es war eine schöne Waffe, und er wollte ein bisschen damit prahlen.
Der Moslem betrachtete sie anerkennend und wollte wissen, ob sie geladen sei. Sekula bejahte – und in diesem Moment kam ihm der Gedanke, dass er den Türken jetzt einfach töten könnte, er musste nur seinen Finger bewegen. Zu diesem Zeitpunkt hatte er jedoch nicht den Entschluss gefasst, dies zu tun. Er richtete die Pistole auf den Moslem und zielte genau zwischen dessen Augen. Dann sagte er: Ja, sie ist geladen, und ich könnte dich jetzt töten.
Der Moslem lachte und bat Sekula, die Pistole wegzudrehen, da sich ein Schuss lösen könnte. In diesem Augenblick wurde Sekula bewusst, dass er seinen Reisekumpan töten musste. Wenn er den Türken am Leben ließe, würde er die Scham und die Schuld nicht ertragen können. Und so feuerte er, wie zufällig, zwischen die lächelnden Augen des Mannes.“
An dieser Geschichte kann man die gesamte Tragödie sehr gut erkennen. Der Muslim ist ein Andersgläubiger, also ein offizieller Feind. Es hört sich komisch an, dass Sekula ihn scheinbar nicht aus Hass tötete, sondern aus Scham, weil er menschlich mit ihm fühlte. Aber da haben wir es doch. Man kommt sich einander näher. Es ist die Nähe, die wahre Nähe zu einem anderen Menschen, die man nicht ertragen kann. Das heißt: Man kann die Gefühle nicht ertragen, die mit Menschlichkeit, mit Wärme, mit Zuwendung zu tun haben. Man lernt ganz früh – hier handelt es sich natürlich um einen Extremfall – die eigene Menschlichkeit als Schwäche zu sehen und sie deswegen zu hassen und sie als etwas Unreines auf andere Menschen abzuwälzen. Und vor den anderen Leuten in seinem Familienclan hätte Sekula es ja gar nicht verantworten können, dass er mit diesem Muslime menschlich und brüderlich umging.


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