„Weitermachen!“, steht auf Herbert Marcuses Grabstein geschrieben. Womit gesagt ist, dass das nicht selbstverständlich ist.

Ein Textauszug. Autor Martin Gohlke (mit freundlicher Genehmigung des Autoren). Den gesamten Text und noch andere findet ihr unter http://www.martin-gohlke.de

3. Emanzipation und Weltekel

Je weniger man ein Leben als Konkurrenzsubjekt als scheinbar unabänderliche Normalität hinzunehmen vermag und je mehr man sich der Emanzipation seines Selbst verbunden fühlt, desto deutlicher kann man mit dem Gefühl des Weltekels in Kontakt kommen. Ob diese Ekelform zu einem schwerer wiegenden Problem mit der Folge von Misanthropie oder Zynismus werden kann, ist auch von der frei zur Verfügung stehenden Zeit abhängig. Denn Muße kann nicht nur Seinsfragen ins Bewusstsein drängen, sondern auch daran anschlussfähige weltliche Erwägungen, auch wenn allein eine eingehende Aufnahme fetischisierter Vergesellschaftungsformen und tierischer menschlicher Verhaltensweisen nicht in den Ekel führt. Es muss mehr passieren.

Der reflektierte Linke muss die Erfahrung machen, dass problematische gesellschaftliche Verhältnisse auch von deren emanzipatorischen Gegnern reproduziert werden und dass auch diese sich wie Tiere verhalten können. Er muss diesbezüglich in herrschaftskritischen Verbindungen, wie beispielsweise einer Kommune oder einem Alternativbetrieb oder in anspruchsvollen, traditionellen arbeitsgesellschaftlichen Zusammenhängen ausgesprochen oft enttäuscht worden sein – und zwar in solch hohem Maße, dass die Frustration auch auf seinen Verhaltenskodex negativ wirkt, ob lediglich selektiv und für die Außenwelt kaum wahrnehmbar oder ihn neu konstituierend, wobei er zu einem anderen Menschen, und zwar nicht zum Paulus, sondern zum Saulus werden kann.

Gerade wenn er sich den Gutmenschen in jungen Jahren nicht hat antrainieren müssen, wenn der Gutmensch sozusagen in ihm war und ihn wie von selbst zur Menschlichkeit hatte antreiben können, gerade dann, wenn ihm das optimistische Menschenbild selbstverständlich war, dass der Mensch ein „Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“ (Karl Marx), ein Produkt seiner gesellschaftlich bedingten Kindheitserfahrungen (materialistische Freudianer) und der Hobbes’sche Wolfsmensch lediglich eine wirtschaftsliberale Konstruktion ist, die legitimiert, dass auf dem Prinzip der Konkurrenz aufgebaute ökonomische Strukturen die Menschen gegeneinander aufhetzt – gerade dann kann er, sofern seine Resilienz aufgebraucht ist, beim Erleiden von zwischenmenschlichen Abgründen in betont anspruchsvollen sozialen Zusammenhängen mit dem Weltekel in Kontakt kommen. Erst recht, wenn dies von entsprechenden Erfahrungen in anspruchsloseren Orten flankiert und nicht von gegenteiligen Erfahrungen in der Liebe relativiert wird.

Auch eine zu intensive Aufnahme von stets wiederkehrenden Diskussionen kann den Weltekel zum Daseinsbegleiter machen. So kann jemanden die Beobachtung der seit 1899 im linken Blätterwald immer wieder aufs Neue diskutierten Frage nach „Reform oder Revolution“ den nihilistischen Gehalt von Nietzsches „ewiger Wiederkehr des Gleichen“ spüren lassen. Ähnliches kann auch eine erschöpfende Aufarbeitung, dass Revolutionen ihre Kinder fressen, zur Folge haben – jedenfalls wenn man sich dabei von der Empathie und nicht von der Kritischen Vernunft leiten lässt.
Auch Opportunismus hat das Potential, ekelerregend zu wirken, wenn beispielsweise ein sich als widerspenstig darstellender Mensch im beruflichen Kontakt mit den Sonntagsgefühlen von bewusstlosen Protagonisten einer selbstzweckhaften Arbeitsgesellschaft zum Staatsbürger in Potenz mutiert. Wird das in abgewandelter Form auch bei einem selbst beobachtet, konstituiert sich der Weltekel über den Selbstekel. Der „Ekel an der Verschwendung“, von Marcuse konstatiert und angesichts der Möglichkeit irreversibler ökologischer Katastrophen mehr als je zu ertragen, macht auch nicht fröhlicher.
Fehlt bei alledem jeder transzendentale Rückhalt, kann dem Reflektierenden irgendwann die Polemik, dass wir alles kleine Eichmänner sind (Peter Klein), in unheimlicher Weise wahrhaftig und ihm infolgedessen übel werden. Der Weltekel kann sich dann verselbstständigen und zum zeitweisen oder gar dauerhaften Bestandteil der Persönlichkeit werden. Er wird steter Teil der immer mehr als Belastung und immer weniger als Mittel der Entfaltung erfahrenen eigenen Reflexionsmaschine – dieser hoch vernetzten Gedankenmaschine, die sich nicht einfach per Beschluss abschalten lässt.

Sofern man ein hohes Bewusstsein über die gesellschaftlichen Verblendungszusammenhänge und einen kritischen Blick auf den Rationalitätsbegriff der Aufklärung, der einer Verzweckung des Daseins wie auch dem Kapital als „automatischem Subjekt“ (Marx) den Weg erleichterte, für unabdingbar für eine emanzipatorische Entwicklung hält, kann auch der Tatbestand der diesbezüglichen allgemeinen Bewusstlosigkeit ein Moment des Weltekels sein. Als wirkungsmächtig kann sich außerdem die zuweilen umgedrehte Hierarchie der Arbeitsgesellschaft erweisen, die den nicht selten dort prekär beschäftigten reflektierten Linken beruflich unter seinen Möglichkeiten bleiben lässt. Lebt er bewusst weitgehend „im Verborgenen“ (Epikur) oder im Sinne von Marcuses „Großer Verweigerung“, ist ihm die Nicht-Zugehörigkeit zur Funktionselite nur recht, denn deren zuweilen wichtigste Arbeitsleistung, sich verhalten zu können, möchte er gar nicht als einen Schwerpunkt seiner Ich-Aufstellung leisten müssen. Lebt er jedoch beruflich ehrgeizig – ideologisch womöglich flankiert vom Kollektivbewusstsein über Dutschkes „langen Marsch durch die Institutionen“ – wird ihn der Ausschluss von der Funktionselite zu schaffen machen.

Es muss also etwas zusammenkommen, wenn Weltekel manifest werden soll. Wie kann man die Frustrationen ertragen und in emanzipatorischer Absicht „weitermachen“ wollen? Humor ist seit Hermann Hesses Steppenwolf ein gern gegebener Tipp, der vorrübergehend als Placebo wirkt. Meditation ist eine andere Möglichkeit, sofern sie dazu verhelfen mag, andere Sichtweisen auf den Menschen zu erhalten. Jedoch erfassen beide Vorschläge die Persönlichkeit des reflektierten Linken nur unzureichend, denn er benötigt ein geistiges Unterpfand – anders als das postmoderne Subjekt braucht er ein gedankliches Angebot, sonst findet er seine Ruhe nicht.


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