ÜBER DIE ZWIESPÄLTIGKEIT DER HOFFNUNG

Erich Fromm aus „Anatomie der menschlichen Destruktivität“

Ich habe in dieser Untersuchung zu zeigen versucht, daß der prähistorische Mensch, der als Jäger und Sammler in Sippenverbänden lebte, durch ein Minimum an Destruktivität und ein Optimum an Bereitschaft zur Zusammenarbeit und zum Teilen mit anderen gekennzeichnet war und daß erst mit der wachsenden Produktivität und Arbeitsteilung, mit der Bildung eines großen Überschusses und der Errichtung von Staaten mit Hierar­chien und Eliten Destruktivität und Grausamkeit großen Ausmaßes entstanden. Züge, die immer stärker wurden, je mehr die Zivilisation fortschritt und die Macht an Bedeutung gewann.
Hat diese Studie nun gültige Argumente für die These geliefert, daß Aggression und Destruktivität noch einmal eine nur minimale Rolle im Gewebe der menschlichen Moti­vationen spielen können? Ich glaube, ja – und ich hoffe, daß viele meiner Leser diese Meinung teilen.

Soweit die Aggression biologisch in den Genen des Menschen vorgegeben ist, ist sie nicht spontan, sondern eine Verteidigung gegen die Bedrohung vitaler Interessen des Menschen, seines Wachstums und seines Überlebens als Individuum und als Art. Diese defensive Aggression war unter bestimmten primitiven Bedingungen relativ gering – als nämlich ein Mensch für den anderen noch keine große Bedrohung darstellte. Inzwischen hat der Mensch nun aber eine außerordentliche Entwicklung durchgemacht. Es ist durchaus legitim, sich vorzustellen, daß er eines Tages den Kreis schließen und eine Gesellschaft aufbauen wird, in der sich niemand mehr bedroht fühlen muß: nicht das Kind durch die Eltern; nicht die Eltern durch die über ihnen Stehenden; keine soziale Klasse durch eine andere; keine Nation durch eine Supermacht.

Dieses Ziel zu erreichen, ist aber aus öko­nomischen, politischen, kulturellen und psychologischen Gründen ungeheuer schwierig. Dazu kommt noch die Schwierigkeit, daß die verschiedenen Nationen auf der Welt Götzen anbeten und verschiedene Götzen – und daß sie einander daher nicht verstehen, selbst wenn sie ihre jeweilige Sprache verstehen. Es wäre Torheit, diese Schwierigkeiten ignorieren zu wollen; aber die empirische Prüfung aller Daten zeigt, daß eine reale Mög­lichkeit besteht, in absehbarer Zukunft eine solche Welt aufzubauen, wenn es gelingt, die politischen und psychologischen Hindernisse zu beseitigen.

Sadismus und Nekrophilie – die bösartigen Formen der Aggression – sind dagegen nicht angeboren; daher können sie beträchtlich reduziert werden, wenn die gegenwärtigen sozioökonomischen Bedingungen durch andere ersetzt werden, die der vollen Entwick­lung der echten Bedürfnisse und Fähigkeiten des Menschen günstig sind: der Entwicklung menschlicher Eigen-Aktivität und schöpferischer Kraft als Selbstzweck. Ausbeutung und Manipulation andererseits erzeugen Langeweile und Trivialität; sie verkrüppeln den Menschen, und alles, was den Menschen zu einem psychischen Krüppel macht, macht ihn auch zum Sadisten und Zerstörer.
Manche werden meine Einstellung als »überoptimistisch«, »utopisch« oder »unrealistisch« bezeichnen. Um festzustellen, wieweit eine solche Kritik berechtigt ist, scheint mir eine Diskussion über den Begriff der Zwiespältigkeit der Hoffnung und über das Wesen des Optimismus und des Pessimismus angebracht. Nehmen wir an, ich plane einen Wochenendausflug aufs Land, und es ist zweifelhaft, ob das Wetter gut sein wird. Ich kann dann sagen: »Ich bin optimistisch« was das Wetter be­trifft. Ist jedoch mein Kind schwer krank und ist sein Leben in Gefahr, so würde es für sensible Ohren recht merkwürdig klingen, wenn ich sagte: »Ich bin optimistisch«, weil der Ausdruck in diesem Kontext gleichgültig und distanziert klingt. Trotzdem könnte ich auch nicht gut sagen: »Ich bin überzeugt, daß mein Kind am Leben bleibt«, weil ich unter den gegebenen Umständen keinen realistischen Grund dafür habe, davon überzeugt zu sein.
Was könnte ich dann aber sagen?

Am passendsten wäre vielleicht, wenn ich sagte: »Ich habe den Glauben, daß mein Kind am Leben bleiben wird.« Aber »Glaube« ist wegen seines theologischen Untertons heute ein fragwürdiges Wort. Trotzdem ist es immer noch das beste, was wir haben, weil es etwas ungeheuer Wichtiges in sich schließt, nämlich meinen leidenschaftlichen, intensiven Wunsch, daß mein Kind am Leben bleibt, weshalb ich alles nur Mögliche tun werde, um seine Genesung zu bewirken. Ich bleibe kein bloßer Beobachter meinem Kind gegenüber, wie ich es wäre, wenn ich nur »optimistisch« wäre. Ich bin selbst Teil der Situation, die ich beobachte: ich bin engagiert; mein Kind, über das ich als »Subjekt« eine Prognose stelle, ist kein »Objekt« für mich; mein Glaube ist in meiner Beziehung zu meinem Kind verwurzelt; er ist eine Mischung von Wissen und Teilnahme.
Natürlich stimmt das nur. wenn man unter Glauben »rationalen Glauben« versteht (E. Fromm. 1947), der sich auf die klare Erkenntnis aller relevanten Daten gründet und nicht auf einer auf Wünschen beruhenden Illusion, wie dies beim »irrationalen Glauben« der Fall ist.

Der Optimismus ist eine entfremdete Form des Glaubens, der Pessimismus eine entfremdete Form der Verzweiflung. Wenn man auf den Menschen und seine Zukunft echt reagiert, das heißt mit Besorgnis und mit » Ver-antwortung«, dann kann man nur mit Glauben oder mit Verzweiflung reagieren. Rationaler Glaube wie rationale Verzweiflung gründet sich auf die gründliche, kritische Kenntnis aller Faktoren, die für das Überleben des Men­schen relevant sind. Die Basis für den rationalen Glauben an den Menschen ist das Vor­handensein einer realen Möglichkeit für seine Rettung: die Basis für die rationale Ver­zweiflung wäre die Erkenntnis, daß keine solche Möglichkeit denkbar ist. In diesem Zusammenhang sollte man noch auf einen anderen Punkt hinweisen.

Die meisten Menschen sind schnell bereit, den Glauben an eine Vervollkommnung des Men­schen als unrealistisch abzutun; aber sie erkennen nicht, daß die Verzweiflung oft genau so unrealistisch ist. Es ist einfach zu sagen: »Der Mensch war von jeher ein Mörder.« Aber diese Behauptung ist nicht richtig, denn sie versäumt, die Kompliziertheit in der Geschichte der Destruktivität zu berücksichtigen. Ebenso leicht ist es, zu sagen: »Der Wunsch, die anderen auszubeuten, entspricht eben der menschlichen Natur«; aber auch diese Behauptung übersieht (oder verzerrt) die Tatsachen.

Kurz gesagt, die Behauptung »Die menschliche Natur ist böse« ist keine Spur realistischer als die Behauptung »Die menschliche Natur ist gut«. Aber es ist viel leichter, das erstere zu sagen; jeder, der die Schlechtigkeit des Menschen beweisen will, findet nämlich bereitwillig Zustimmung, weil er damit einem jeden ein Alibi für die eigenen Sünden bietet – und scheinbar damit nichts riskiert: und dennoch – irrationale Verzweiflung zu verbreiten ist destruktiv, wie es das Verbreiten jeder Unwahrheit ist; es entmutigt und verwirrt. Irrationalen Glauben zu predigen oder einen falschen Messias anzukündigen, ist kaum weniger destruktiv – es verführt und lähmt.
Die Haltung der Majorität ist weder die des Glaubens noch die der Verzweiflung, sondern leider die einer völligen Gleichgültigkeit gegenüber der Zukunft der Menschheit. Wer nicht völlig gleichgültig ist, nimmt die Haltung des »Optimismus « oder des »Pessimismus« ein.

Die Optimisten sind die Gläubigen des Dogmas vom ständigen »Fortschritt«. Sie haben sich daran gewöhnt, die menschliche Leistung mit der technischen Leistung zu identifizieren, die menschliche Freiheit mit der Freiheit vom unmittelbaren Zwang und der Freiheit des Konsumenten zur Wahl zwischen vielen, angeblich unterschiedlichen Ge­brauchsgütern. Die Würde, die Kooperation, die Güte des primitiven Menschen machen ihnen keinen Eindruck; technische Leistung, Besitz. Härte, das macht Eindruck.

Jahrhun­derte der Herrschaft über technisch rückständige Völker verschiedener Hautfarbe haben dem Geist der Optimisten ihren Stempel aufgedrückt. Wie könnte ein »Wilder« ein Mensch uns gleichberechtigt oder gar überlegen sein gegenüber Menschen, die auf den Mond fliegen – oder die durch den Druck auf einen Knopf Millionen menschlicher Wesen vernichten können?

Die Optimisten führen – wenigstens im Augenblick – ein ganz behagliches Leben und können sich leisten, »Optimisten« zu sein. Wenigstens glauben sie das, weil sie so entfrem­det sind, daß sogar die Bedrohung der Zukunft ihrer Enkel kaum einen Eindruck auf sie macht.

Die »Pessimisten« unterscheiden sich im Grunde kaum von den Optimisten. Sie führen ein genauso behagliches Leben und fühlen sich genauso wenig engagiert. Das Schicksal der Menschheit kümmert sie ebenso wenig wie die Optimisten. Sie sind keineswegs ver­zweifelt denn wenn sie es wären, würden und könnten sie nicht so zufrieden dahinleben, wie sie es tun. Während ihr Pessimismus weitgehend die Funktion erfüllt, durch den Gedanken, daß man nichts machen kann, vor der inneren Forderung zu schützen, etwas zu unternehmen, verteidigen sich die Optimisten gegen die gleiche innere Forderung, indem sie sich einreden, alles gehe schon seinen rechten Weg, so daß man nichts zu machen braucht.

Die in diesem Buch vertretene Position ist die eines rationalen Glaubens an die Fähigkeit des Menschen, sich aus dem scheinbar verhängnisvollen Netz der Umstände, das er selbst geschaffen hat, zu befreien.

Es ist die Position all jener, die weder »Optimisten« noch »Pessimisten«, sondern »Radikale« sind, die den rationalen Glauben an die Fähigkeit des Menschen haben, der endgültigen Katastrophe entrinnen zu können. Dieser humani­stische Radikalismus geht an die Wurzeln und damit an die Ursachen; er versucht den Menschen von den Ketten seiner Illusionen zu befreien; er postuliert die Notwendigkeit radikaler Änderungen, und zwar nicht nur unserer ökonomischen und politischen Struk­tur, sondern auch unserer Werte, unserer Vorstellung von den Zielen des Menschen und unseres persönlichen Verhaltens.

Aber jene angeblichen Radikalen, die meinen, innerhalb der heutigen Gesellschaft sei eine persönliche Wandlung weder möglich noch wünschenswert, benutzen ihre revolutionäre Ideologie als Ausrede für ihren persönlichen Widerstand gegen eine innere Wandlung. Die Situation der Menschheit ist heute zu ernst, als daß wir uns erlauben könnten, auf die Demagogen zu hören – und am allerwenigsten auf alle jene Demagogen, die von der Destruktion angezogen sind –, oder auf jene Führer, die nur ihren Verstand benutzen und ihr Herz verhärtet haben.

Kritisches und radikales Denken wird nur dann fruchtbar sein, wenn es mit der kostbarsten Eigenschaft des Menschen vereint ist – mit seiner Liebe zum Leben.





Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken & handeln!Willst du auch bei der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos und Materialien: