In Gedenken an eine starke Frau: Zur Ermordung von Phoolan Devi

*Geklaut aus der „Alhambra“-Zeitung*

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Am 25.07.2001 wurde die als Banditenkönigin weltweit bekannt gewordene indische Frauen- und Menschenrechtlerin Phoolan Devi in Delhi auf offener Strasse erschossen. Phoolan Devi, die 1999 zum zweiten Mal für die sozialistische Samajwadi Party ins indischen Unterhaus (Lok Sabha) gewählt worden war, war in der Mittagspause auf dem Weg vom Parlament zu ihrem Wohnhaus, als drei maskierte Männer fünf Schüsse auf sie abgaben. Drei Kugeln trafen sie tödlich im Kopf.

Während die politische Linke in Indien über die Ermordung von Phoolan Devi geschockt war, reagierte die Bevölkerung in dem Bundesstaat Uttar Pradesh, am Tag nach ihrer Ermordung mit Protestkundgebungen und Massenstreiks. Der bandh (Ausstand) legte die Stadt Mirzapur und Umgebung – Phoolan Devis Wahlkreis – völlig lahm, zwischen Delhi und Kalkutta verkehrende Fernzüge wurden angehalten und Parteibüros der regierenden Bharatiya Janata Party (BJP) mit Steinen beworfen.

Die Geschichte von Phoolan Devi – „Göttin der Blumen“, wie ihre Eltern sie genannt hatten –, ist die einer Frau, die sich gegen die erdrückende Atmosphäre sexistischer Gewalt in Indien auflehnte und dazu das Mittel bewaffneter Gegengewalt wählte. Die Situation im Indien Ende der Siebziger Jahre, als die Geschichte der Banditenkönigin Phoolan Devi um die Welt ging, ist nicht vergleichbar mit der heutigen. Die seit Anfang der achtziger Jahre erstarkende, mittlerweile weltweit bekannte und einflussreiche Frauenbewegung Indiens hat es geschafft, viele der extremsten Ausformungen patriarchaler Gewalt in der durch das Kastensystem zusätzlich hierarchisierten Gesellschaft Indiens zurück zu drängen. Neben der alltäglichen inner- und außerhäuslicher Gewalt gegen Frauen war Indien damals bekannt für seine spezifischen Formen gewalttätiger Frauenunterdrückung: Mitgiftmorde, Nötigungen zum Witwenselbstmord, Tötung weiblicher Säuglinge und die Nötigung zur Abtreibung wurden nur wenig kritisch kommentiert.

Wie ein roter Faden zieht sich durch das Leben von Phoolan Devi die Bereitschaft, Machtmonopole zu brechen. Sie ignorierte das ihr vorgegebene Kastensystem und hatte den Mut, obwohl sie selbst nie zur Schule gegangen ist, international als Politikerin für die Rechte der Armen und Frauen einzustehen. Aber vor allem hat sie, wie kaum eine andere Frau zuvor, das Gewaltmonopol der Männer gebrochen. Dafür wurde sie geliebt, vergöttert und verehrt, aber auch verfolgt, gedemütigt und gehasst – und schließlich ermordet.

Phoolan Devi wurde im August 1963 in einem Dorf im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh in der Kaste der Mallahs geboren. Die Kaste der Mallahs zählte zu den ärmsten Kasten in Indien – ihr traditioneller Beruf Bootsleute war durch den Bau von Brücken überflüssig geworden. Ihr Vater arbeitete deshalb, wie so viele andere Angehörige der Mallahs, als Landarbeiter bei einer Thakurfamilie. Die Thakurs, die Landbesitzerkaste, waren eine der höchsten und reichsten Kasten Indiens.

Im Alter von elf Jahren wurde sie an einen Mann aus derselben Kaste in ein Nachbardorf verheiratet. Zwar waren Kinderehen in Indien bereits seit 1927 strafbar; der Sarda-Act von 1927 und der Hindu-Marriage- Act von 1955 hatten sich in den Dörfern jedoch nicht durchgesetzt. In der Kaste der Mallahs war die Verheiratung von Mädchen ab dem 11. Lebensjahr üblich. Jedoch
übergab man dem Ehemann die Tochter selbst dann erst nach ihrer ersten Menstruation, wenn die formelle Hochzeitszeremonie früher stattgefunden hatte. Der zwanzig Jahre ältere Ehemann von Phoolan Devi machte schon drei Monate nach der Vermählung sein Recht geltend; sie kam also mit elf Jahren ins Haus ihres Ehemann, wo sie für seinen Haushalt sorgte und ihm ihren Körper überließ. Er schlug sie regelmäßig. Irgendwann lief das Mädchen von ihrem Ehemann fort.

Zurück bei ihren Eltern hatte ihre Lage sich verschlechtert: ihre Mitgift war fort; als diejenige, die ihren Ehemann verlassen hatte, war sie ein Schandfleck für die Familie im ganzen Dorf. Dem Versuch, erneut verheiratet zu werden, wiedersetzte sie sich. Der Dorfrat gab den Rat, sie im Hause ihres reicheren Onkels Gurudayal unter zu bringen. In diesem Haus war sie nicht willkommen, sie wurde mehr oder weniger grob wie eine Dienerin herum kommandiert. Zur gleichen Zeit lief zwischen ihrem Onkel und ihrem Vater ein Rechtsstreit über ein größeres Stück Land. Sie vertrat die Rechte ihres Vaters vor dem Dorfrat und zog damit noch mehr Feindseligkeit auf sich. Phoolan Devis Vater verlor den Rechtsstreit, möglicherweise fehlte ihm das Geld, um sich die Gunst der Rechtsvermittler zu erkaufen.

Auch wegen ihres Engagements in diesem Rechtsstreit hasste der mit seiner Familie in dem Haus des Onkels wohnende Sohn Mayadin sie. Statt Dankbarkeit dafür zu zeigen, in dem Hause seines Vaters aufgenommen zu sein, machte sie ihm sein Erbe streitig. Diese Kränkung veranlasste ihn dazu, ihr das Leben in dem Dorf unmöglich zu machen: in den Dorfgemeinschaften war es ein leichtes, den Ruf einer Frau zu verderben. Er schlug sie und warf ihr vor, sie habe eine heimliche inzestuöse Beziehung mit seinem Sohn. Von der Intrige ermuntert, versuchte der Sohn des Hauptes der Dorfversammlung, Sokhchand, sich an Phoolan heran zu machen. Sie antwortete mit einer Ohrfeige. Bei diesem öffentlichen Vorfall wurde sie als Hure beschimpft. Es war ihr unmöglich weiter in dem Dorf zu bleiben, nachdem sie immer mehr Feinde hatte. In späteren Interviews nannte sie immer wieder die Namen ihres Cousins Mayadin und des Sohnes des Dorfältesten Sokhchand als diejenigen, die ihr Leben ruiniert hätten.

Es war auch in dieser Zeit, dass sie ihre ersten Erfahrungen mit der Polizei machte: Das Haus ihres Onkels war von Banditen überfallen worden. Ihr Cousin zeigte sie bei der Polizei wegen Komplizenschaft bei dem Raubüberfall an, was zu diesem Zeitpunkt frei erfunden war. Die Anklage wurde zusätzlich vom Dorfvorstand unterstützt. Sie verbrachte drei Tage in Untersuchungshaft in Kalpi, und später nach gerichtlicher Verurteilung 20 Tage im Gefängnis in Auriya, bevor sie auf Kaution frei kam. In beiden Gefängnissen wurde sie von der Polizei vergewaltigt. Es versteht sich fast von selbst, dass diese Vergewaltigungen nie verfolgt wurden: Wie in allen patriarchalischen Gesellschaften stigmatisierten die Vergewaltigungen das Opfer und nicht die Täter – wer also hätte ihr glauben sollen.

Sie kam bei Verwandten in einem anderen Dorf unter. Angeblich lernte sie in diesem Dorf einen Mann kennen, der als Informant für einige Banditen arbeitete und Kontakt zu der Bande von Vikram Mallah, ihrem späteren Weggefährten, hatte. Über diese Zeit in ihrem Leben, den ersten Kontakten mit den Banditen, gibt es lediglich Gerüchte. Auch später zeigte Phoolan Devi wenig Interesse, die Details darzulegen.

Als vom Dorf verstoßene Frau in Indien hatte sie die Möglichkeit des Selbstmordes, der Prostitution oder der Flucht in das Banditentum, eine traditionell anerkannte Alternative, von der allerdings nur sehr wenige Frauen Gebrauch machten. Phoolan Devi verließ schließlich das Dorf endgültig und schloss sich den Banditen im Chambal-Tal an.

Das Banditentum im Chambal-Tal ist über viele Jahrhunderte hinweg bekannt. Viele der Banditen genießen den Ruf eines Robin Hood. Die Banden können nur überleben, weil sie von der einheimischen Bevölkerung unterstützt werden. Die Robin-Hood-Legenden um die Banditen beruhten darauf, dass die Banden Häuser von Menschen überfielen, bei denen es überhaupt etwas zu stehlen gab – somit gleichzeitig Häuser von reichen Menschen hoher Kasten. Sie waren auf die Hilfe der Menschen angewiesen; die Menschen der unteren Kasten waren froh, ihnen ihre Hilfe verkaufen zu können, und so etwas von der Beute ab zu bekommen. Es gibt aber auch Berichte von Banditen, die gezielt Reiche überfielen, um das Geraubte an die Armen zu verteilen. Auch gab es einen Banditenanführer (Baba Mustaqueem) dem man nachsagte, er habe immer den Frauen geholfen. Er habe Eltern mit Geldgeschenken unterstützt, denen die nötige Mitgift für ihre Tochter fehlte und habe Frauen vor den Lästerungen anderer geschützt. Die Banditen kauften ihre Waffen von den schlecht bezahlten Polizisten, die durch den Erlös von den Waffen, die sie zuvor anderen Banditen abgenommen haben, ihr Einkommen aufstocken konnten. Die Polizei galt allgemein als korrupt, weil Anklagen auch gekauft werden konnten, schon deshalb genossen die oft in Polizeiuniform auftretenden Banditen größeres Vertrauen als die Polizei selbst. Die Polizeiuniformen waren Tarnungsmittel, machten aber auch deutlich, dass die Banditen für sich in Anspruch nahmen, auf ihre eigene Art nichts Geringeres als die offiziellen Gesetzeshüter zu sein.

Wie auch bei Phoolan Devi ist der Schritt zum Banditentum meist nicht frei gewählt. Madho Singh ein ehemaliger Bandenanführer, der 1972 kapitulierte, hat beschrieben, wie schnell man Bandit werden kann: „Es gibt viele Gründe, warum Menschen Banditen werden, aber der Hauptgrund ist die Bestechlichkeit der Polizei. Nehmen sie an, es gibt einen Streit zwischen zwei Parteien in einem Dorf. Eine Partei ist reich, die andere ist arm – sie gibt dem Polizisten 5000 Rupien und der Polizist ist bereit, zwanzig Beschuldigungen gegen die Armen zu erheben. Weil der Reiche es will und ihm Geld dafür gibt. Was soll der Arme tun in einer solchen Situation? Er landete im Gefängnis und muss eine Strafe verbüßen. Ihm bleibt nur ein anderer Weg – Bandit zu werden und gegen die Ungerechtigkeit zu kämpfen. Er denkt, ich werde dann sterben müssen, aber was soll’s, sterben muss ich auch hier.“

Phoolan Devi wurde zunächst unfreiwillig als Frau des Bandenchefs in die Bande von Babu Gujar und Vikram Mallah eingeführt. Als Haupt der Bande nahm sich Babu Gujar das Vorrecht an Phoolan Devi, sie war seine Gefangene und so auch seinen sexuellen Übergriffen ausgeliefert. Phoolan entwickelte eine intime Zuneigung zu Vikram Mallah, dem zweiten, jüngeren Anführer – für diesen wurde der ältere Bandenchef somit gleichzeitig zum Konkurrenten gegenüber einer Frau, die er selbst begehrte. Im Juli 1979 ergriff Vikram die Gelegenheit und erschoss den verhassten Babu Gujar.

Damit entstand die berüchtigte Vikram-Phoolan-Bande. Mit Vikram Mallah, dem sie sich eng verbunden fühlte, fing Phoolan ihr Leben als aktive Banditin an. Zum erstenmal in ihrem Leben genoss sie den Respekt anderer Männer, – der 25 bis 30 Mitglieder der Bande, die sie anführte. Unter den Mitgliedern waren auch Mitglieder höherer Kasten, die Phoolan Devi in ihrer Bande anführte. Einige Mitglieder aus der Thakurkaste akzeptierten allerdings den jüngeren Vikram Mallah und Phoolan Devi als Anführer und Anführerin nicht. Die Thakur-Brüder Shri Ram und Lala Ram trennten sich von ihnen und gründeten eine eigene Bande.

Bei einem Raubüberfall der Vikram-Phoolan-Bande im Frühjahr 1980 wurde ein reicher Mann aus der Kaste der Thakur niedergeschossen. Er war ein Verwandter der ausgeschiedenen Thakur-Brüder. Aus deren Sicht hatte die Phoolan-Vikram-Bande ein Ordnungs-system in Frage gestellt, in dem die niedrigkastigen Mallahs die Waffe gegen den höherkastigen Thakur erhoben hatten. Wegen dieses Aufbruchs gegen die Macht der Thakurs, beschlossen die Thakurbrüder der Phoolan-Vikram-Bande eine Lektion zu erteilen. Am 19. August 1980 erschossen sie Vikram Mallah und verschleppten Phoolan mit in ihr eigenes Dorf Behmai. Nach 22 Tagen Gefangenschaft ergriff Phoolan die Gelegenheit zur Flucht. Bis dahin war sie auf dem Dorfplatz von Behmai unzählige Male vergewaltigt worden.

Phoolan Devi nahm nach einem kurzen Aufenthalt in ihrem Heimatort wieder Kontakt zu den Banditen auf. Vermutlich Rache oder Verzweiflung gaben ihr die Kraft, eine neue Bande auf zu bauen, der sich viele anschlossen. Ab nun trafen fast sämtliche Überfälle der Phoolan-Bande Menschen aus der Kaste der Thakurs. In späteren Interviews hat sie es jedoch immer wieder abgelehnt, das Handeln ihrer Bande als Kastenkrieg zu bewerten. Sie wurde bekannt als die schnelle, uniformierte Frau, die mit einem Lautsprecher bei Überfällen wüste Flüche brüllte, sich damit im Dorf laut angekündigte und ihre geplanten Opfer bekannt machte.

Weltweit Schlagzeilen machte sie, nachdem sie am 14. Februar 1981 in dem Ort Behmai blutige Rache nahm. Bei diesen Überfall waren vier weitere Gangs beteiligt, die Phoolan Devi unterstützten. Unter ihrer Führung drangen 40 Männer schnell in das Dorf ein. Sie liess die hochkastigen Männer des Ortes auf dem Dorfplatz zusammentreiben und das Feuer auf sie eröffnen. 22 von ihnen starben in dem Kugelhagel, – Shri Ram und Lala Ram Thakur waren nicht dabei, sie waren zufällig in der Stadt. Es war ein Novum, dass eine Frau der Mallahs sich an einem Thakur rächte; womöglich war es das erste Mal, dass die obere Kaste der Thakurs Opfer eines solchen Massenmordes durch eine niedere Kaste
wurde. Nunmehr gehörte Phoolan Devi zu den meistgesuchten Banditen des Bundesstaates Uttar Pradesh. Ein Großaufgebot von 5000 Polizisten durchkämmte die Gegend. Innerhalb der nächsten drei Wochen konnten zwei der mitbeteiligten Bandenanführer aufgespürt werden. Sie wurden nieder-geschossen. Phoolan Devi und ihre Bande soll dreimal fast erwischt worden sein, konnte jedoch jeweils entkommen. Gefasst werden konnte sie nicht.

In den Medien und unter der Bevölkerung entspann sich die Legende von der „Blumen-Königin“. Sie bekam unzählige Namen: „die Göttin der Schönheit“, „die Unverwundbare“ und die „Banditenkönigin“. In den Dörfern wurde sie umjubelt, verborgen und es wurden ihr Blumen in den Gewehrlauf gesteckt. Dort war sie die Inkarnation der Hindu-Rachegöttin Kali oder Durga. Die Ärmsten der Armen beteuerten, dass sie immer nur die Hochkastigen beraubte und ihnen selbst etwas von der Beute abgab.

In ihrer Autobiographie heißt es zu diesem Lebensabschnitt: „Ich entdeckte Stück für Stück, woraus sich meine Welt zusammensetzte: aus der Macht der Männer und der Macht der privilegierten Klasse. Was ich machte, war mein einziges Mittel Gerechtigkeit zu erlangen. Wie die Göttin Durga trieb mich der Hunger nach Gerechtigkeit, nach Rache an den Dämonen. Wenn die Reichen Schlimmes anrichteten, war es unsere Pflicht als Gangster, sie dafür bezahlen zu lassen.“

Am 13. Februar 1983 legte Phoolan Devi öffentlich in Bhind im Bundesstaat Madhya Pradesh ihre Waffen nieder. Dieserart zuvor mit den Polizeibehörden abgesprochenen Kapitulationen von Banditen hatte es schon häufig gegeben. Aber die Anwesenheit von zehntausend niedrigkastigen Menschen, die nach Bhind gepilgert waren, um die Blumenkönigin, die Rächerin der Armen und Geknechteten, endlich einmal sehen zu können, machte Phoolan Devis Kapitulation zu einer politischen Demonstration. Das Zentralgefängnis von Gwalior, in das man sie nach ihrer Verhaftung brachte, wurde zum Pilgerzentrum für die Presse. Sie erwarteten nach den Legenden Glanz und Glorie und fanden das Gesicht einer vom Leben zerstörten Frau, gezeichnet von den Erniedrigungen, wie sie indischen Frauen zugemutet werden.

Phoolan Devi hatte sich ergeben, weil ihr versprochen worden war, sie werde nach achtjähriger Haft entlassen. Jedoch musste sie auch hier merken, dass die Regeln für Frauen und Männer unterschiedlich sind. Ohne Anklage für die insgesamt 60 Taten, die ihr vorgeworfen wurden, und ohne Gerichtsverhandlung musste sie elf Jahre im Gefängnis sitzen, bis sie in einem Gnadenakt entlassen wurde. Die männlichen Bandenchefs, die zur gleichen Zeit mit ihr und ebenso spektakulär unter der Bedingungen einer raschen Aburteilung und kurzzeitigen Rehabilitierung kapituliert hatten, waren bei Phoolan Devis Entlassung im Februar 1994 längst auf freiem Fuß. Auch zu ihrer Entlassung strömte eine gewaltige Menschenmenge herbei und feierten sie.

Nach ihrer Entlassung entdeckten die Führer der sozialistischen Samajwadi-Partei ihr Charisma und ihren ungeheuren Einfluss auf 70 % der Bevölkerung des Bundesstaates Uttar Pradesh. 1999 wurde sie nach kurzzeitiger Unterbrechung zum zweiten Mal ins indische Unterhaus gewählt. Als Vertreterin der Samajwadi-Partei entfielen auf sie in ihrem Wahlbezirk Mirzapur mit 37,72 % absolut die meisten Stimmen, während ihre Partei in dem Bundesstaat lediglich 3,3 % erreichte. Der Einzug der Analphabetin Phoolan Devi ins Unterhaus war wiederum ein Medienereignis, denn obwohl das Kastenwesen offiziell nicht mehr existiert, und mittlerweile viele indische Menschen ehemals niedriger Kasten politische Positionen einnehmen, rümpfen immer noch viele gutgekleidete Inder die Nase, wenn Angehörige niedriger Kasten gewählt werden. Aber an Phoolan Devi kamen sie nicht vorbei. Sie wurde Sprachrohr für die vielen Millionen Inder und Inderinnen, die bisher nur unterdrückt worden waren. Sie kämpfte lautstark für die Rechte der indischen Frauen und Mädchen und hat den Unterdrückten eine Stimme inner- und außerhalb des Parlaments gegeben. Immer wieder forderte sie Taten statt Worte.

Nach dem Leben als Banditin hatte Phoolan Devi beschlossen, mit legalen Mitteln für die Rechte der Frauen zu kämpfen Dabei war sie nicht nur Politikerin im Parlament. Viele Frauen, denen Gewalt angetan war, kamen hilfesuchend zu ihr, wenn die Polizei nicht bereit war, gegen die Männer etwas zu unternehmen. Angesprochen auf ihre Reaktion in solchen Situationen sagte sie in einem Interview in der Chicago Tribune im August 1997: „When I‘m really free, I‘m going to trash these men. But right now the government won‘t even give me a license for a gun. They know I can use it.“

Auf der UN-Konferenz über die Situation von Frauen im Juni 2000 in New York war sie, obwohl sie weder eine Rede hielt noch an irgendeiner der Delegationstreffen zu den Schwerpunktthemen teilnahm, gern konsultierte Interviewpartnerin der Presse. Trotz ihrer offensichtlichen Schwierigkeiten der in englischer Sprache abgehaltenen Vollversammlung zu folgen, resümierte sie gegenüber der Zeitung India in New York: „ I am very happy, that at this level there were discussions about women and there were debates here, but there should be action on this, and not just words.“

Schon bei ihrer Entlassung aus dem Gefängnis 1994, war in ihrem Heimatdorf die Angst umgegangen. Es wurde ihr mitgeteilt, sie solle besser nicht nach Hause kommen, da neue Racheakte von den Thakurs erwartet wurden, die die Erschießung der Männer von Behmai nicht vergessen hatten. Die tödliche Antwort folgte aber erst in diesem Jahr. Einige Tage nach der Ermordung Phoolan Devis wurden vier Männer verhaftet. Sie gaben an, Phoolan Devi erschossen zu haben, um den Tod der 22 Männer aus der Thakurkaste nach zwanzig Jahren zu rächen. Beobachter – so meldet die Presse – vermuten stattdessen wegen der unmittelbar bevorstehenden Regionalwahlen politische Motive hinter der Ermordung. Eine absurde Differenzierung: Was ist denn politischer als eine Frau, die wie kaum eine andere gegen die Gewalt von Männern rebellierte, und genau dafür verehrt und gewählt wurde, aus Rache für ihre Gegengewalt auf offener Strasse zu erschiessen.

Zum Lesen:

Phoolan Devi, Ich war die Königin der Banditen, Lübbe Verlag

Veena Kade-Luthra, Phoolan Devi – Die Legende einer indischen Banditin, Verlag Neue Kritik

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Es ist der Wahnsinn, was diese Frau durchgemacht, welche Stärke sie gezeigt hat.





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