Vier Festivals – ein Rückblick

Vor vier Jahren gab es in dieser Zeitung unter der Überschrift „Zwei Festivals, ein Wetter“ einen Bericht, der das Moerser Jazz Festival und die Fusion im ostdeutschen Lärz zusammengefaßt behandelte. Seitdem sind zwei neue Festivals entstanden, das neue „MAMF“ heißt jetzt „Freefall“ und wurde Ende August im Moerser Freizeitpark über die Bühne gebracht, zeitgleich mit dem Gelderner Offside Festival, dessen erste Auflage noch als OffsideOpen unter künstlerischer Leitung des Moerser Musikveteranen Burkhard Hennen lief. Grund genug für mich, mich ein bißchen auf den besagten Festivals umzuhören und es artikeltechnisch meinen Vorgängern von der Wildcat gleichzutun.

MOERS FESTIVAL
It started with a kiss… Die Sonne schmatzte alle ab, die es Pfingsten Richtung Moers zog. Nach unsäglich vielen unsäglich feuchten Pfingstwochenenden gab es erstmals wieder ein absolut regenfreies Programm. Die Trockenheit bedeutete dann aber auch: Kein Lagerfeuer, nur mäßiges Grillen. Weitere Neueinschränkungen: Kein Campen am „Müllberg“ (das Jugendamt hatte sich aus dem Festivalgeschehen herausgezogen), keine großen Zelte (auch nicht für die Jesus Freaks, die das Zelt für ihren Zirkus abbauen mußten und danach einen auf Lager machten), dazu erstmals Fotoverbot im Zelt: Kameras wurden in übel temperierte Metallbunker verfrachtet.
Durch die mit der Sonne einsetzende Trägheit wurde es schwieriger, vom Programm mitgerissen zu werden. Sonnenwonnen verfrachteten viele aus dem Zelt auf die grüne Wiese, wo gemütlich den Klängen von drinnen gelauscht wurde. Großes Einvernehmen herrschte über die isländische Samúel Jón Samúelsson Big Band, deren CD keine fünf Minuten nach Ende des Auftritts ausverkauft war (und wohl die meistgebrannte CD nach dem Festival darstellen dürfte). Toller Jazz zum morgens hören, abends hören, beim Autofahren hören. Direkt gefolgt von den nicht mehr ganz unbekannten Battles aus New York, die ihrer verspielten Indie-Rockmusik frönten. Sehr schöne Instrumentalmusik (auch die Stimme wird, teils recht überkandidelt, als Instrument eingesetzt) mit prägnanten Passagen, einem ungewöhnlichen Songaufbau und dem präzisen Schlagzeugspiel eines John Stanier, den man schon von Helmet und Tomahawk kennt (aktuelle Maxi-Single: Tonto+, inkl. DVD, WARP RECORDS).
Direkt im Anschluß gab es das wohl größte musikalische Experiment des Festivals: Die Norweger Punkt nahmen sich der Tonspuren des eben verklungenen Battles-Konzerts an und remixten diese live, unterstützt durch Sidsel Edresen aus Oslo, vielen noch bekannt durch die Stimmakrobatik vom letzten Festival. Leider wurde ein wenig zuviel gesidselt, so daß der eigentliche Remix etwas unterging und zuweilen nur im Hintergrund herumwaberte; da beim Remixen (auch eine feine Form von Jazz) aber alles erlaubt ist, sehen wir’s mal nicht so eng.
Die Enttäuschung des Festivals waren für viele die Hip Hopper um Dälek aus Amiland, die es konsequent verpaßten, interessant/originell zu klingen und in dem immer gleichen Mittempo herumkrebsten.
Wie ich später (beim Offside Festival nämlich) hörte, sind manche Besucher beim Versuch gescheitert, die Lounge im Hotel van der Valk zu finden. Dabei ließ es sich gerade dort, wenn man denn einen der wenigen Plätze ergatterte, gut entspannt aushalten. Die norwegischen Kobert waren dort eine Entdeckung, ausgestattet nur mit Schlagzeug, Orgel und einem Gesang, wie er trotz Björk nicht nervt, dazu live noch viel energetischer als auf ihrer schönen CD (NORCD 0660).
Gleichzeitig durfte im Erdgeschoß wieder zu Tut-nichtwehjazz und -funk getanzt werden, erst live, dann aus der Konserve. Irgendwie hatte die Mischung im vergangenen Jahr aber mehr Spaß gemacht.
Wer lieber dem Punk und Ska huldigen wollte, sollte eigentlich gegen Vorlage seines Festivaltickets in der Volksschule Asyl finden – wenn man sie/ihn denn hineinließ. Frauen mit Handtaschen durften hinein, ich mit meinem lediglich mit einer Baumwolljacke befüllten Rucksack wurde abgewiesen. „Bei uns in Dortmund kommst du auch nicht mit Rucksack in die Disse“, gemahnte mich der Security-Türsteher, aber ich könne ja für 50 Cent die Garderobe benutzen. Meinem Vorschlag, ich könnte meinen Rucksack ja solange im Eingangsbereich parken, da läge ja bereits einer, kam er nicht entgegen, wenn das mal jeder täte, und schließlich sei das da sein Rucksack. Nach endlosen Diskussionen kein Einlenken des Machthabers, also kein Ska-Punk, auch nicht für 50 Cent, denn die Festivalkarte sollte eigentlich einen freien Eintritt bedeuten. Sehr ärgerlich!

FUSION FESTIVAL
Das Resümee der Wildcater anno 2004: „Auf dem Jazzfestival in Moers gibt’s musikalisch immer wieder was Tolles zu entdecken, man muß halt nur diesen furchtbaren Burkhard Hennen ertragen. Die Fusion ist viel toller, eine Freundin schrieb mir: Liegt wahrscheinlich am Fusion-feeling. Immer wenn ich da war, würd‘ ich da am liebsten für immer hingehen und da leben. Dann fühlt sich alles so leicht an…“
Ein Leben auf der Fusion dürfte bei aller Leichtigkeit des Scheins dann doch irgendwann zu Übersättigungserscheinungen führen: stetig anwachsende Menschen- und Scherbenmengen (eine Altglas-Recyclingstation oder eine Pfandannahmestelle würde da Wunder wirken!), kein Regenschutz auf dem großen Gelände und ewig bollern die Bässe.
Um die sanitäre Situation ist es dort sicher auch nicht zum Besten bestellt, eine halbe Stunde zum Kacken anstehen ist da keine Seltenheit, und nach Bewältigung der viele Meter langen Schlange, die einen von einer kostenpflichtigen Dusche trennt, stellt man fest, daß diese auch nur mit Wasser kocht oder aber eben nicht, sprich nur Kaltwasser liefert, welches man bei den Open Air Duschen auch schneller und für umme hätte haben können.
Die Erkenntnis, daß ich an einem Großevent mit geschätzten 40.000 Besuchern dennoch derart Freude finden könnte, verschaffte mir in diesem Sommer das 12. Fusion-Festival auch aller verstrahlter Partypeople zum Trotz. Zum Glück trat man sich nicht auf die Füße, alles konnte sich angenehm verlaufen auf dem (mittlerweile vom Veranstalter aufgekauften) riesigen, ehemaligen Flugplatz Lärz in Mecklenburg-Vorpommern, unendlich ländlich gelegen zwischen Berlin, Hamburg und Rostock, und unendlich sympathisch dazu. Seien es das vielfältige Publikum, die schöne Musikauswahl, die tausend Kleinigkeiten, die liebevoll fürs Festival gebastelt wurden – wenn ein Festival die Sinne anregt, dann dieses. Und Gelegenheit zum Nachdenken bekam man zwangsläufig, selbst wenn man das Programm in der Oase (wo u. a. die BARrikade stand) verpaßte, wo es neben einer Anarchismus-Ausstellung Filme, Workshops und politische Info-Veranstaltungen gab. Schon bei der Einfahrt wurden Autos, von welchen noch diese unsäglichen EM-Fähnchen wehten, fusion-tauglich präpariert, sprich die Fahnen wurden konsequent um das untere Drittel gekürzt, und später gab es auf dem Gelände gar eine lange Wäscheleine voller Schwarz-Rot. Und auf dem Campinggelände machte ich eine rote Fahne mit schwarzem Herz darauf aus, na bitte, so geht’s doch auch. Zur Ruhe kommen konnte man im Hörspiel-Hangar (beim „Seuchenprinz“ bin ich friedlich weggeschlummert, muß an der „Tsetsefliege“ gelegen haben…), Muße und Kultur gab’s auch in Theater- und Filmform mit jeweils eigenem Hangar und in der Dub Oase, wo ruhiger Reggae und vegane Pizza zum Verschnaufen oder Jonglieren einluden. Und ich bin endlich hinter das Geheimnis gekommen, warum beim Reggae soviel gekifft wird – diese monotone und abwechslungsarme Musik macht auf die Dauer echt aggressiv, dagegen hilft nur die sanfte Betäubung! Nichtsdestotrotz waren Acts wie Mono & Nikitaman mit ihrem Reggae gegen Überwachung eine Bereicherung für das Festival, jedenfalls besser als aus der Konserve.
Sich einen guten Überblick verschaffen konnte man auf beinahe allen Hangars. Sie waren begehbar, zum Teil auf halber Höhe mit Sitzflächen ausgestattet. Während unten Programm lief, ließ es sich oben gut mit Beinen und Seele baumeln.
Eine schöner, waldähnlicher Ort mit Snoozelzonen und Weltmusikbühne, auf der ich auch die gute Dota aus Berlin wiedertreffen sollte, war das Neuland, ähnlich dem Trancefloor ordentlich begrünt. Die Göteburger „Hellsongs“ säuselten dort Heavy-Metal-Hits in frisch arrangierten Hippiepop-Versionen, Gustav aus Wien rockten wilder als auf Platte (vgl. Plattenkritik) und die Wahl-Barcelonerin Amanda Jayne überzeugte mit Akkordeon, Stimme und vor allem tonnenweise Charisma vor dem lang erwarteten Auftritt der Stadtpiraten. So manches „Weltmusikalische“ fand seinen Weg auf oder auch vor diese Bühne, für mich der schönste Platz des Festivals.
Musik war natürlich wieder der Hauptgrund für viele, sich zur Fusion zu begeben, auch wenn es eine „Fusion“ im eigentlichen Wortsinne eher weniger gab, sondern vielmehr ein angenehmes Nebeneinander von Punk, Techno, Reggae, Weltmusik und Elektro.
An der wunderbar beleuchteten und per Lasertechnik hervorgehobenen Turmbühne tummelten sich Techno-Fans, DJ Koze belohnte ab 6 Uhr morgens die Langaufbleiber. Dälek rappten auch auf der Fusion, nach Moers mußte ich mir das aber nicht noch einmal antun, keine Ahnung, was Mike Patton an denen findet. Jingo de Lunch zeigten im Luftschloß, daß es sie wieder gibt (und unterschlugen glatt ihr bestes Lied). Faust, ein Hamburger Relikt der 1960er Jahre, immer noch rockig-avantgardistisch bei der Sache, zeigte mit Betonmischer und Kettensäge, wer als Inspiration für Bands wie die Neubauten oder Sonic Youth in Frage kommt. Und Rainer von Vielen und Kauz zeigten auf dem „Roten Platz“, der dieses Jahr seine Premiere feierte, daß doch nicht „alles verloren“ ist und machten teilweise Anstalten, wie RATM loszurocken.
Bereits am ersten Festivaltag (den Fusion-Donnerstag sollte man sich auf jeden Fall schon arbeitstechnisch freinehmen und gönnen!) konnte man Turbostaat auf der einen und The Notwist auf der lautstärkemäßig anderen Seite hören. Die bayerischen Nichttwister fingen mit den stillen Momenten ihres aktuellen Albums an, steigerten sich langsam und kamen nach und nach zu etwas älterem Material, improvisierten mit Samples des gerade Gesungenen, sehr gelungen bei „Pilot“. Rockiger als „Day 7“ sollte es allerdings kaum werden, die „Our Alien“-Zeit ist leider definitiv vorbei (nicht gespielt! Dieser Hit!) und alles davor Gewesene sowieso. Dennoch merkte man gerade den Acher-Brüdern diese ungemeine Spielfreude an, diese Lust, auch die überhaupt nicht mehr hardcorelastigen Lieder runterzurocken. Verkopft wirkte das alles jedenfalls nicht – dem standen Schweiß, eigenwilliges Gitarrenspiel, diese Stimme und ein tolles Trommeln entgegen. Und Console kann als Flugzeugeinweiser anfangen.
Auf den vielen Bühnen waren diesmal außerdem u. a. dabei die Puppetmastaz, Guts Pie Earshot, der elfjährige Rapper MC Fly Mic, Bratze, Melt Banana aus Japan oder Senser, ja, die gibt es in der Tat noch, und zwar nicht als Übriggebliebene der 1990er Jahre (die Band existiert seit fast 20 Jahren), sondern live erfreulich frisch, quasi Juze 2008. Stanley Kubi mit dem verrückten Sänger Macario in der Tubebox war für mich einer der Höhepunkte des Festivals. Ich kannte die Kombo noch nicht und wurde sofort erschlagen von diesem irren Mix aus Blasmusik und Hardcore. Punk-Chanson könnte man das auch nennen, immer wieder balkaneske Musikeinsprengsel vor dem nächsten großen Ausbruch voll Geschrei oder auch mal leicht an System Of A Down erinnerndem Gesang. Nach dem Energieschub des Auftritts sprang Macario von der Bühne und feierte mit dem Publikum noch ewig weiter. Klar muß man das live sehen, aber auch die bescheiden „Music by Stanley Kubi“ genannte aktuelle LP kann ich Menschen mit Hang zu ungewöhnlicher Musik empfehlen.
Was gab es noch zu beobachten? Den FAU-Stand, das bunt bemalte, gelegentlich vorbeituckernde Schrottauto mit Aufschrift „Security“, fünf Euro Erstattung bei Ablieferung eines vollen Müllbeutels, kneteknappe Festivalfreunde konnten ihren Eintritt auch abarbeiten, Thor Steinar-Träger durften gar nicht erst rein, die „Fusionella“ genannte Pappröhre ermöglichte es anatomisch femininen Menschen, auch die zahlreichen Stehpinkelanlagen zu benutzen (was, wie man hörte, technisch nicht immer ganz glattlief), sogar Karaoke fand Einzug in den „Ferienkommunismus“ der Fusion.
Auf jeden Fall ein mit Liebe zum Detail gemachtes Großevent, das es für viele locker zum Festival des Jahres schaffte.

DONG OPEN AIR
Ach so, vom Dong wollte ich ja gar nichts schreiben, wozu auch, das Festival steht einfach für sich wie eine Wand aus solidem Metall. Habe eh die meiste Zeit mit (sogar hochpolitischen) Diskussionen verbracht, da soll mal einer sagen, die Metal-Szene sei politisch uninteressiert! Und ich konnte auch glatt ein neues Mitglied für die Barrikade werben, juhu, es geht aufwärts…

OFFSIDE FESTIVAL
Offside hieß das Festival am Holländer See in Geldern anno 2008, da der alte Name nunmehr in einer Schublade in Repelen liegt. Beim zweiten Anlauf erschien alles etwas kleiner dimensioniert, weniger Besucher, die Essensstände kompakt beieinander, das Projektzelt fehlte völlig, dafür wurde das Pressezelt als Aktionsraum vorrangig des „Workshop 4 Kids“ genutzt. Gunter Hampel probte drei Tage mit Kindern Jazz-Improvisation mit Instrumenten und Tanz und die abschließende Vorführung am letzten Festivaltag zählte sicher zu den sympathischsten Darbietungen.
Manch einer mutzke, pardon, mußte bereits im Vorfeld schlucken, nachdem er ausgerechnet Klaus Doldinger auf den Offside-Plakaten erblicken durfte. Ein Festival ohne künstlerische Leitung, das einen Weichspül-Jazzer an den Holländer See holt, noch dazu mit Max Mutzke als Gastsänger, das war einigen too much und so war Fernbleiben angesagt oder das Entsenden von Diplomaten. Mancher vernahm mitten im Holländer See gar ein gelbes Periskop mit den Initialen MM darauf (und dahinter steckten sicher nicht die Schoko-Schmackofatzies dieses Namens). Jedenfalls wurde Klaus Doldinger nahezu als Retter des Festivals gepriesen, sollte er doch die Menge an Publikum ziehen, deren Eintritt den zum Teil sehr freien Jazz der Vortage sichern sollte – ein Kompromißschritt in Richtung Kommerz, bei dem abzuwarten bleibt, wie das Publikum in Zukunft damit umgeht. Der Auftritt als Festival-Schlußlicht soll jedenfalls zwar recht steif, aber eben gut konsumierbar gewesen sein, im Zusammenspiel mit Mr. Mutzke sollen die Musiker schließlich ihr klini-sches Lächeln verloren und den Spaß an der Musik wiederentdeckt haben. Da lag ich aber schon friedlich schlummernd im Bett.
Dank der Jazzkantine (das Zugpferd des ersten Abends) sollen 200 Tagestickets im sich steigernden Regen an der Abendkasse verkauft worden sein. Der Platz vor der Bühne wirkte da jedenfalls noch belagerungsbedürftig.
Roy Paci & Aretuska waren bei guter Rasenauslastung der Samstagnacht-Tanzhöhepunkt mit einer Melange aus diversen Mithüpf-Stilen wie Ska, Funk oder Reggae. Paci sang mehr, als er Trompete spielte, was auch schade gefunden wurde, weil er gerade das so wunderbar beherrscht (und nebenbei sang ihn Mitmusiker Francesco Quadri locker in die zweite Reihe). Zum Schütteln aller Glieder reichte es allemal, was nach einem Tag mit sehr vielen Improvisationen auch mal nötig war.
Mars Williams, den Moerser Jazz Fans seit vielen Jahren bekannt, konnte der Legende nach für das Offside gewonnen werden, weil Tante Mückl ihn zufällig in einem Chicagoer Jazzclub an die Strippe bekam. Im Quartett zeigte er sich von seiner experimentierfreudigsten Seite, wer’s funkiger mag, wird 2009 auf seine Kosten kommen, denn dann kommt der gute Mars mit Liquid Soul zurück an den idyllischen Teil des Niederrheins. Seinen Offside-Einstand gab Herr Williams übrigens bereits am frühen Samstagnachmittag als Gast der Moerser Jazzrocker Weygold 10 (benannt nach der Adresse der „Röhre“ – Zitat einer Besucherin: „Ich dachte, die können da nur an der Theke stehen… jetzt machen die Musik! Und die werden sich ab heute täglich einen darauf runterholen, mit Mars Williams zusammengespielt zu haben!“ – Konter des Schlagzeugers: „In dem Alter nur noch jeden zweiten Tag!“). Auf Youtube kann man sich das Spektakel denn auch ansehen (also jetzt keinen wichsenden Schlagzeuger, sondern die Session).
Nach Einbruch der Dunkelheit wurde es gemütlich auf dem Gelände, Feuertonnen wurden ebenso entflammt wie Diskussionen mit der heranrollenden Security darüber, daß man die Bierstände nachts ja nur deshalb offenstehen ließe, um junge Besucher zum heimlichen Bierzapfen zu reizen.
Ein Security-Mann erzählte freimütig, wie er während der ersten Festivalnacht ein ahnungsloses Paar im Zelt beim Liebemachen gefilmt hat, und erklärte seine Version von Freiheit: „Wir leben in einem freien Land. Und die Freiheit hat ihren Preis. Dafür gibt es uns.“ Schön, wenn man sich so einfach legitimieren kann.
Insgesamt war das Offside ein gelungenes Festival, leider etwas mau besucht, mit einer profilschwachen Musikmischung. Die nächsten drei Jahre sind erst einmal sicher, daß Burkhard Hennen künftig wieder die künstlerische Leitung übernehmen soll, ist jedoch ein bloßes Gerücht, genauso wie Ankündigung „preiswert essen und trinken“.

Weil ich den letzten Festivaltag überwiegend verpaßt habe, frage ich mich natürlich: Was würde wohl Kiki sagen?

Du hast schon einiges verpaßt, würd’ ich sagen.

Panzerballet: Zwar was lauter, hat mir persönlich aber sehr gut gefallen. Richtig guter, lauter, rockiger Metal mit Saxophon! Die laut Programm „witzigen“ Ansagen von Jan Zehrfeld fand ich etwas übertrieben und manchmal auch gar nicht so witzig. Wirkte ziemlich verpeilt der Kerl. Und hat auch etwas übertrieben abgespackt. Leider ging für seine Ansagen ziemlich viel Zeit drauf, die die Band besser für die Musik genutzt hätte. Sollten und durften jedoch noch eine Zugabe spielen.
Absolutes Highlight: Hildegard lernt fliegen. Tolle Musik, Andreas Schaerer als absolutes Vocal-Wunder. Traumhafte, volle Stimme beim Singen, grandioses Können beim human beatboxing. Mit geschlossenen Augen konnte man wirklich glauben, der spielt Posaune und bringt diese Töne nicht (nur) mit seiner Stimme zustande. Mit kleinen Hilfsmitteln (Mini-Megaphon) verwandelte er seine Stimme sogar in verzerrten Rock-Gitarren-Sound. Absolut lohnenswert und gnadenlos gut!
Schaut euch bei Youtube mal die Performance von „First I Will Bite You In The Back Of Your Knee“ an – der Mensch singt gleichzeitig zu seiner eigenen Beat-box! Die CD lohnt natürlich auch, hübsches Klapp-Digipack und sieben Songs, allerdings ohne einige der vokalistischen I-Tüpfelchen der Live-Performance.

Marc Brenken… nicht gesehen. Waren Pizza essen…

Klaus Doldinger hat erst um halb neun angefangen und wir sind um neun schon gefahren. Aber auch nur, weil wir beide keine ruhe mehr hatten – was seeeehhhhr schade war. Egal, was andere sagen: verdammt gute Musik. Die erste halbe Stunde zwar ohne großartige Überraschungen, aber echt klasse. Wären wirklich sehr gerne noch länger geblieben, da es sich nach einem abgerundeten, würdigen Abschluß des Festivals anhörte. In Kombi mit Max Mutzke dementsprechend nicht mehr gesehen.
Wenn du was schreibst, solltest du den extrem guten Sound über das ganze Festival erwähnen. Mir taten kein einziges Mal die Ohren weh, noch hatte ich das Bedürfnis nach Ohrstöpseln – und trotzdem war alles Gehörte ein hervorragender Klanggenuß, und garantiert für niemanden zu leise!

FREEFALL FESTIVAL
Nach dem Rock am Park 2005 und dem ersten Freefall Festival 2006 hat sich das selbstorganisierte Muckerfestival in diesem Jahr anscheinend etabliert, um der jungen Musikszene aus Moers und Umgebung eine Plattform, wenn nicht gar ein Sprungbrett zu bieten.
Veranstaltet von der ev. Kirchengemeinde Moers, hatten die Bands gottlob noch kein biblisches Alter erreicht. Umsonst und draußen (und leider zeitgleich mit dem Offside Festival) gab es einen repräsentativen Querschnitt der aktuellen lokalen Musikszene (aber wo waren die hammerharten Reign Of Terror?), 17 Bands und ein Martin sorgten auch im Regen für regen Zulauf. Namen wie „The Bonny Situation“, „Trustgame“ oder „Thalamus“ hat der interessierte Moerser ja schon mal gehört, und auch das Instrumental-Trio Aeronautix, das diesmal mit einem halbstündigen Medley antrat, ist nach zahlreichen Auftritten (der erste hatte in der Barrikade stattgefunden) nun keine Unbekannte mehr (www.aeronautix.eu). Und als am Abend des ersten Festivaltages (von insgesamt dreien) schon alles egal war, weil Dauerregen und Matsch den Flow des Tages festmachten, bestiegen die Duisburger Äerşzä (sprich: Ärsche) die Bühne und betätigten sich wild rockend als gelungene Ärzte- und FURT-Coverband, ein Hobby, bei dem man viel falsch machen kann – hier stimmte aber wirklich alles.
Ein solches Festival hat einfach lange gefehlt, für viele jungen Leute ist es etwas völlig Neues, Abkürzungen wie MAMF oder MIM verlocken da nur zu Schulterzucken. Veranstaltet wurde es komplett ehrenamtlich (was für die mittlerweile ja leider obligatorisch gewordene Security sicher nicht gilt) und mit Ausnahme des Ansagers wirkte alles auch recht professionell, vom leuchtenden Festivalschild bis hin zum völlig unnötigen VIP-„Fotograben“, der das Publikum vom näheren Kontakt mit der Band und Fotowillige von guten Motiven trennte. Ein überdachter Publikumsbereich hätte natürlich auch hier nicht schaden können…

Fazit: Festivalsaison beendet, keine Ausfälle! Ablenkungsmanöver gelungen, jetzt können wir uns den Winter über wieder mit den wichtigen Dingen des Lebens beschäftigen: Lohnarbeit, Glühwein und den Rückzug ins Privatleben (das Ende aller Märchen: bildet Pärchen!). Wer mag, kann als kleine Flucht aus diesen Realitäten – bis zum nächsten Festival – ja gerne mal ein Bier trinken kommen im libertären Zentrum seines/ihres Vertrauens… in der BARrikade quasi…

(Thorsten mit Dank an Kiki aus Essen für’s Dableiben und Berichten vom Offside!)





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