Jazz 2007: „Das quietscht so!“

Aber noch ist lange keine letzte Ölung für das Moers Festival in Sicht
Moers-Festival
Wieder ist ein Jahr, gerechnet in der Moerser Einheit „Jazz“, vorüber. Und wieder hatte der gemeine Festival-Frequentierer, besonders in den späten Abendstunden, mit zum Teil heftigem Regen zu kämpfen.
Dabei hatte doch Carmen Weist (SPD), Aufsichtsratsvorsitzende der Festival Moers Kultur GmbH, schon weit im Vorfeld für Pfingsten schönes Wetter versprochen, aber nun ja, Versprechungen von Sozialdemokraten halt…
Zu meckern gab es selbstredend wieder eine Menge: Manche mokierten sich über die teilweise aussagelosen Ankündigungstexte in der Programmübersicht und viele monierten, daß dieses Mal etwas Elementares fehlte: Wo war Feuerfleisch-Stand mit den leckeren Seoul-Burgern? Was auch nicht unbedingt vorhanden war, war das, was sie Jazz nennen. Und das war auch gut so. Aber dazu später mehr.
Moers-Festival3
Als problematisch schilderten zudem einige Händler ihre Situation nach dem Festival, die die hohe Standmiete nicht wieder hineinbekamen. Während diejenigen an den Freßständen überwiegend zufrieden waren, machte gerade den Non-Food-Händlern das schlechte Wetter einen Strich durch die Rechnung. „Sogar die größeren Händler sind betroffen“, verriet ein kleinerer, „ich selbst bleibe auf meinen Kosten sitzen. Mal sehen, vielleicht komme ich im nächsten Jahr noch einmal mit einem blauen Auge zurück.“
Auch das Jugendcamp am anderen Ende des Freizeitparks stellte die besorgte Frage nach der Zukunft: Die Zielgruppe fehlte, stattdessen nutzten ältere Jugendliche den Rodelberg als Müllrutsche.

Aber bot im Rahmen des letztjährigen Festivals das Drumherum reichlich Anlaß zu Unmutsbekundungen (das böse Wort mit vier „u“), so muß man für das diesjährige Festival attestieren: Alle haben ihre Hausaufgaben gemacht. Die Musikauswahl war hervorragend, vom Singer/Songwritertum des Vorjahres war dankenswerterweise nichts übriggeblieben, zum Tanzen wurde die Bestuhlung im Zelt entfernt, das Festivalplakat konnte ja nur besser ausfallen als im Vorjahr, selbst das Festivalradio wurde verbessert (bzw. verbächert – mal sehen, wer diesen Insider versteht) und das Wichtigste: Die Security hatte weder Kampfhunde wie vor ca. 10 Jahren noch war sie selber welche wie vor ca. 1 Jahr; an die Stelle der nervtötenden, kontrollsüchtigen Sicherheitsmacker des Vorjahres, die nicht wieder eingestellt wurden, wurden diesmal freundliche Menschen mit Respekt vor dem ruhigen und friedlichen Verlauf des Festivals gestellt, die in der Hauptsache den Einlaß regelten und ansonsten immer gesprächsbereit waren. Eingriffe in die Zeltstadt-Kultur fanden diesmal nicht statt, es gab eine klare Order zur Zurückhaltung.
Moers-Festival4 Eine Konstruktion in der Zeltstadt.
Und so sah man Augenzeugen zufolge eines Morgens gar, kurz vor Sonnenaufgang, einen sturzbesoffenen Security-Menschen mit einer Horde Punks freundschaftlich singend übers Festivalgelände ziehen. Das ist Jazz!

Das Konzept des künstlerischen Leiters Reiner Michalke ging voll auf, die Zusammenstellung der Bands und Duos erwies sich als hochgradig gelungen. Am Anreisetag, dem traditionell eher wenig besuchten Freitag, an dem erst ab 18 Uhr aufgespielt wird, gab es als Einstimmung erst mal einen Reigen freier Improvisation, bis die New Yorkerin Sharon Jones, das Klischee schlechthin der dicken schwarzen Frau mit bombastischer Stimme, mit lupenreinen Soulnummern ohne jeglichen Anflug von Jazz das begeisterte Publikum zum Tanzen brachte. Um das Zelt dabei noch etwas voller zu bekommen, gab es für die ersten 50 Moerser im Alter zwischen 16 und 21 Freikarten für ersten Festivaltag.
Den Auftakt machte im übrigen die Wiener Formation Oral Beats. Christian Reiner formte mit seiner hochtrainierten Stimme nicht unbedingt spektakuläre Sprachfetzen, die, wenn er sie nicht selbst mit eines Falco würdigen Handbewegungen zelebrierte, durch live gemalte und animierte visuelle Effekte unterstreichen ließ.

Wie erwartet setzten Keji Haino, der schon mit Fred Frith und Thurston Moore musizierte, und Masami Akita aus Tokio als Duo Kikuri eine phonstarke Marke am Samstag. Wild an der Elektronik drehend, die Gitarre hart im Anschlag, wurde ein so ordentlicher Lärm erzeugt, daß sich die am Zelteingang verteilten Ohrenstöpsel an diesem Tag erstmals bewährten. Derart geschützt konnte man es sich auf der Tribüne gemütlich machen, die vom Geländelauf strapazierten Beine ausstrecken und die Musiker auf der Bühne einfach mal machen lassen. Während dort droben der Krach tobte, fand mancher Zuhörer so zu innerer Ruhe, ein bißchen wie es die Berlinerin Dota Kehr es in ihrem Lied „Mittelinselurlaub“ beschreibt: Urlaub auf einer Verkehrsinsel, Getöse drumherum, Entspannung in der Mitte. Eine prima preschende Europapremiere, die hoffentlich auch ganz vielen anderen zum Müßiggang gereichte.
Nach angemessener Ohren- und Umbaupause begaben sich Cornelius, ebenfalls aus Tokio, auf die Bühne und brachten den Indierock ins Festival, was erstaunlich gut ins Gesamtgefüge paßte. Auf CD weniger erträglich, bot gerade die fantastische optische Umsetzung mit eigener Lichtshow anregende Akzente. Keigo Oyamada und seine Band inszenierten den Auftritt als Videoclip mit entsprechend reger Hintergrundbebilderung, und auch ein Theremin (zu deutsch: Ätherwellengeige), das gänzlich tasten- und saitenlose Musikinstrument, das in den 1960ern als eine Ahnung von Zukunftsmusik Weltraumfilme untermalte, kam zum wohl akzentuierenden Einsatz.
Bei Anthony Braxton, seit den 1970er Jahren erstmals wieder in Moers zu Gast, konnten sich Ohren und Augen wieder weitestgehend erholen. Auch nach dreißig Jahren bot er alles andere als angestaubte Jazz-Plattitüden.

Besucherin Kiki aus Köln zeigte sich sehr angetan davon, daß es in diesem Jahr keinen „Altherrenjazz“ mehr gegeben hat. Auch der Anteil an sog. Weltmusik ist stark verringert worden. Mit den Gnawa Crossroads eröffnete dafür aber immerhin eine marokkanische Formation den Pfingstsonntag, die nicht einfach afrikanische Popmusik bot, sondern mit so interessanter Rhythmik aufwartete, daß ich während des Konzerts um Stift und Papier gebeten wurde, weil sich der begeisterte Mann neben mir den Takt notieren wollte. Das nachfolgende Andrea Keller Quartet aus Australien brachte einige der in diesem Jahr auch immer wieder gehörten leisen Töne, doch auch das konnte für manche zu schräg sein, so befand etwa die sechsjährige Sarah auf die Frage hin, wie ihr denn die Musik gefalle: „Das quietscht so!“
Für FM3 aus China war bereits nach einer halben Stunde Schluß: Ein Fußpedal hat seinen Dienst versagt, der gewünschte Sound ließ sich nicht entfalten, so daß man, frei nach Max Goldt, ungeduscht, geduzt und ausgebuht nach dem ersten Stück die Bühne verließ. Eine große Enttäuschung für die Männer meditativer Musik, dennoch wird großen Teilen des Publikums das hundertfach hintereinander heruntergeschrubbte Gitarrenriff lange nicht aus dem Kopf gegangen sein. Ansonsten kam aus den Reihen der Musiker stets das positive Signal: Moers ist einzigartig, das Publikum dankbar und flexibel und macht wirklich alles mit. Klar, dafür steht Moers – zumindest an vier Tagen im Jahr.
Sidsel Edresen aus Oslo vollbrachte im Anschluß mit ihrer Stimme das, was man sich von den Wiener Oral Beats erhofft hatte, dort aber nicht bekam. Ein steter Gradwandel zwischen hyperaktiver Improvisation und Ruhepolen, stimmliche Akrobatik par excellence. Sehr gelungen auch die Kollaboration das Altsaxofonisten Steve Coleman und seiner Band Five Elements mit der Rap-Formation Opus Akoben im An- und Abschluß. Da wurde zusammengerapt, was zusammenpaßte. Das Zelt tanzte!
Moers-Festival2
Am letzten Tag gab es im Zelt noch einmal die volle Palette, quasi die Essenz des Festivals, zu hören. Den Anfang machte Hayden Chisholm, wahrlich kein Moers-Neuling, der seinem Saxofon gerne mal ein tonloses Pusten entfahren läßt. Aus dem als Gegenpol zu den Edel-Krachmachern Kikuri angekündigten ruhigen Set erwuchs aber neben wunderschöner, langsamer Musik auch durchaus mal eine flotte jazzig angehauchte Nummer. Hier stimmte wirklich alles, von Nils Wograms genialer Posaune bis hin zu höchst harmonischen Einsprengseln mit der Harmonika.
War Scorch Thing noch einer der absoluten Höhepunkte des letztjährigen Festivals, so hat sich die Formation The Thing diesmal mit dem Trio Zu aus Rom zusammengetan, welche sich als „not-catagorizable punk-freejazz-headbangers-sun-ra-freaks“ kategorisieren, was man ihnen auch ohne Motörhead-T-Shirt ohne weiteres abgekauft hätte. Geniale Schlagzeugbeats, die den Trommlern viel Raum boten, wurden von den Bläsern zurück in die Begleitung einer Melodie überführt, auf der nach Shibusashirazu-Art herumimprovisiert wurde, ohne daß die Eindringlichkeit oder das Harmonische auf der Strecke blieben. Von diesem Auftritt (und so langsam verkneife ich mir mal Adjektive wie fulminant, furios oder funkelnd, das glaubt mir nachher ja doch wieder keiner, der nicht dabei war…) nahm das Publikum einiges mit nach Hause.
Nur böse Ärzte würden Mikko Innanen & Inkvisitio aus Helsinki attestieren, daß sie trotz Hawaii-Hemden am hochkarätig besetzten letzten Festivaltag die blasseste Figur abgaben, zu gut waren sie allemal, um in irgendeiner Weise als farblos herabgewürdigt zu werden. Bereits das Orgelsolo rechtfertigte den Besuch im Zelt. Das Quartett aus der Stadt, wo die Sonne untergeht, zeigte spätestens mit seiner stampfenden Zugabe, was unter finnischem Humor in Bezug auf Jazz zu verstehen ist.
Für einige eine Offenbarung, für viele Rockfans eine Enttäuschung stellte das sehr experimentelle Set des Mike Patton aus San Francisco dar, der mit Faith No More Musikgeschichte schrieb, sich gleichzeitig aber auch immer intensiver Projekten widmete, in denen er mit allerlei wirren Klängen Hörgewohnheiten auf den Kopf stellte. Ein Höhepunkt dessen war als Europa-Premiere im Moerser Festzelt zu erleben. „Easy like a sunday morning“ sang zu Konzertbeginn noch ein beschwingter Mensch aus dem Publikum, um sich kurz darauf gewiß zu werden, daß er damit völlig falsch lag. Easy war da rein gar nichts an der österreichisch-amerikanischen Kooperation, und der lauschige Sonntagmorgen lag schon in beträchtlicher Weite, als Christian Fennesz aus Wien seiner Gitarre nur deshalb Klänge entlockte, um sie sogleich zu verfremden und mit Rauschen zu unterlegen. Seine dazu passende Mimik beschwor die Verstörtheit eines Klaus Kinski herauf. Pattons Stimme wurde nach wenigen erkennbaren Gesangstönen fast komplett zur Perkussion, die er nach einigem Zischen und etlichen Schreien gegen Ende in Hip Hop Beats gipfeln ließ. Nach jeder Improvisationseinheit, vor jedem eher verhaltenen Applaus, folgte der zufrieden bestätigende Blick Pattons zu Fennesz herüber: Musikalische Transaktion geglückt. Hätte man dem Ganzen einen satten Beat untergelegt, wäre aus dieser Geräuschorgie auch ein tolles Tanzvergnügen geworden.
Den Abschluß des Festivals sollte bewußt nicht der Rock-Superstar bilden, stattdessen geriet der Auftritt der 27-jährigen in Japan geborenen Wahl-New Yorkerin Hiromi zu einem echten Glanzstück, das viele am Ende gar nicht mehr erwartet hatten. So brav und bieder sie auf dem Foto in der Programmübersicht auch wirkte und manchen in die Gefilde beschaulicher, ruhiger Jazzmusik wiegelte, so sehr überraschte die Fusion-Frau mit Power und Spielspaß, der sich problemlos aufs Publikum übertrug. Am Piano sitzen? Wozu, wenn man doch auch hüpfen kann!

Der Publikumandrang drückte sich in für den Veranstalter mehr als zufriedenstellenden Zahlen aus: Rund 9.000 Besucher allein im auch oft gut gefüllten Festivalzelt (zum Vergleich: im Vorjahr waren es etwa 1.000 weniger), das an den beiden mittleren Tagen gar an die Auslastungsgrenze von 2.500 Besuchern stieß, dafür hat sich die Zeltstadt im Vergleich zum Vorjahr noch einmal ausgedünnt. Mußte man vor wenigen Jahren noch spätestens am Freitagmittag anreisen, um überhaupt noch einen guten Zeltplatz zu erwischen, so gab es derer bis zum Festivalende reichlich, auch war es jetzt abends im Dunklen problemlos möglich, von Zelt A nach Zelt B zu gelangen, ohne sich im Gewirr zu verlaufen und ohne mindestens vier Zeltschnüre dabei mitzunehmen. Diese neue Bewegungsfreiheit ist wohl hauptsächlich dem Wetter geschuldet, es kamen eben überwiegend Hardliner, zum Teil wieder von weither, deren Interesse neben dem Zeltstadtfeeling auch der Musik im großen blauen Zelt gilt. Für diese war das dankenswerter Weise auch in diesem Jahr wieder installierte Festivalradio Gold wert. Man konnte sich frei in der Zeltstadt bewegen, den Stöpsel im Ohr, und bei ansprechenden Übertragungen aus dem Festivalzelt sich sogleich dorthin bugsieren (ohne sich im Gewirr zu verlaufen und ohne mindestens… s. o.).

Die „The Night“-Reihe fokussierte in diesem Jahr auf das Motel Moers. Im Van der Valk spielten an drei Abenden hintereinander absolut tanzkompatible Bands, anschließend sorgte ein DJ-Set mit den guten, alten Vinyl-Scheiben für Tanz bis in den Morgen hinein. Einige bedauerten, daß nur Inhaber von Festivaltickets, nicht aber von Tageskarten freien Eintritt zu diesen Veranstaltungen hatten. Auch in der „Röhre“ gab es wieder, wie man hörte, gute Konzerte, nur wußte diese das leider gut zu verschweigen.

Mit etwas Glück wird Reiner Michalke Moers weiterhin als Spielwiese betrachten, um hier auch in den folgenden Jahren so krasse, ergreifende, quietschende Festivals zusammenzustellen. Am 9. Mai 2008 geht das Abenteuer weiter, Vorfreude ist bereits jetzt vorhanden, und bitte, liebe SPD, nicht schon wieder etwas versprechen, das du doch sowieso nicht halten kannst…





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